«Ich finde, der Leser hat das Recht auf ein unterhaltsames Buch»

 

 

 

«Was tun die Personen in

einem Buch, wenn es gerade niemand liest?» Michael Ende

 

 

Wenn man sagt: «Das ist der Vater der Kaminski-Kids», dann ist sofort klar, dass es sich um den Zuger Autor Carlo Meier handelt. Der in Zürich geborene Schweizer Schriftsteller hat jedoch auch Bücher für Erwachsene geschrieben und wurde für sein Schaffen mit etlichen Preisen belohnt.

 

Nach seiner Ausbildung zum Journalisten war Carlo Meier für mehrere landesweit bekannte Printmedien tätig. Er verfasste Reportagen aus dem In- und Ausland und interviewte zahlreiche prominente Künstler.

 

Parallel dazu schrieb er Drehbücher für Film und Fernsehen. So unter anderem eine Folge für die Fernsehreihe «Tatort». Sein Drehbuch für den Höhlen-Spielfilm «Irrlichter» wurde vom European Script Fund in London ausgezeichnet und der Film lief nicht nur im ZDF, SF und weiteren Sendern, er wurde ebenfalls in Kinos im In- und Ausland ausgestrahlt.

 

1992 erschien sein erster Roman, die Kriminalpersiflage «Keine Leiche in Damaskus». Es folgten «Horu» und «Das Buch Müller».  Carlo Meier verbindet die Krimihandlungen in seinen Romanen gerne mit gesellschaftskritischen Ansätzen.

 

Der Krimi ist das Gefäss für eine spannende Geschichte

Sat: Erstmal vielen Dank, dass Sie sich Zeit für mich genommen haben, Herr Meier. 

 

Die Schriftstellerin Andrea Maria Schenkel soll in einem Interview gesagt

haben, der Kriminalroman sei ein wunderbares «Genre», in dem man alles, einfach alles tun könne. Sie haben sich auch dem Krimi «verschrieben». Sind Sie derselben Meinung?

 

C. Meier: Ja, wenn man gewisse Regeln berücksichtigt. Der Krimi ist

das Gefäss für eine spannende Geschichte. Folglich müssen in diesem Gefäss auch Spannungselemente und ein kriminelles Delikt enthalten sein, sonst ist es kein Krimi.

 

Bei mir hat jeder Roman auch ein bestimmtes Thema. Wenn dieses erstmal gefunden ist, muss die Geschichte daraus wachsen können. Ich schreibe also nicht einfach los, sondern denke mir schon am Anfang den ganzen Plot aus.

Bei einem Krimi kommt es meines Erachtens nicht darauf an, möglichst viel Spannung zu erzeugen. Man muss diese in guter Dosierung über die Handlung verteilen.

 

Sat:  Sie verbinden in Ihren Romanen die kriminellen Handlungen meistens mit gesellschaftskritischen Ansätzen …

 

C. Meier: ... richtig, Menschen interessieren sich für andere Menschen

und für Ungerechtigkeiten. Wenn irgendeine Art von Ungerechtigkeit geschieht, weckt das im Leser den Wunsch, die Gerechtigkeit möge wiederhergestellt werden. Eine Geschichte wird auch umso spannender, je mehr sich die Lesenden mit der Hauptfigur identifizieren können.

 

Natürlich gehe ich nicht bei all meinen Büchern so vor, bei den Kinderkrimis aber schon.

 

Sat: Da kommen wir ja auch schon zu den «Kaminski-Kids». Als man hörte, dass Sie an Ihrem Buch «Hope Road» schreiben, einem Buch für Erwachsene, befürchteten viele junge Leser, dass es mit den «Kaminskis» eventuell nicht mehr weitergeht. Nun, Ihre Kinder Sidi, Anuschka und Saskia sind inzwischen älter. Ist damit zu rechnen, dass die Reihe doch mal zu Ende gehen wird? Immerhin – Ihre Kinder haben Ihnen beim Schreiben geholfen. Sie waren eigentlich auch der Anlass für die Entstehung der «Kaminski-Kids».

 

C. Meier: Ja, mein Ältester ist vor rund drei Wochen Vater geworden. Ich bin also inzwischen bereits Grossvater. Meine Kinder sagten mir natürlich immer, welche Themen sie interessieren, was aktuell ist und was in der Schule läuft. In den «Kaminski-Büchern» geht es ja immer um brisante Themen wie etwa

Mobbing und Gewalt unter Jugendlichen, Internet-Gefahren oder Drogen, wobei ich mich natürlich darüber jeweils noch zusätzlich von Fachpersonen und Pädagogen beraten lasse. Da die Kids von heute aber viele ganz neue Ausdrücke benutzen, sahen meine Kinder auch rein sprachlich immer zum Rechten.

 

Doch das Kaminski-Team besteht auch aus einer Reihe von jungen Testlesern, die ihre Aufgabe ebenso gut machen. Daher besteht vorerst kein Grund zur Panik.

 

Kinder sprudelten beinahe vor Ideen über

 

Sat: Wie war das damals schon wieder? Sie hatten mehrere Bücher für Erwachsene geschrieben und da fragten Ihre Kinder, warum Sie nicht auch mal einen Krimi für Kinder schreiben?

 

C. Meier: Genau. Wir waren im Urlaub. Und nach meinen drei Romanen für Erwachsene fand ich diesen Vorschlag eigentlich gut. Aber ich hatte keine Ahnung, wovon das Jugendbuch handeln könnte. Meine Kinder allerdings sprudelten beinahe vor Ideen über. So kam es dann, dass wir noch im Urlaub gemeinsam eine Story ausheckten. In den Hauptrollen: die «Kaminski-Kids», die meinen Kindern übrigens sehr ähnlich waren.

 

Sidi, Anuschka und Saskia wollten dann aber unbedingt, dass auch ein Hund in der Geschichte vorkommt – und daher wurde der Collie «Zwockel» in die Story eingebaut.

 

Sat: Das erste «Kaminski»-Buch Übergabe drei Uhr morgens wurde auch gleich zu einem grossen Erfolg!

 

C. Meier: Stimmt. Die «Kaminski-Kids» haben sich aufgrund dieses Erfolges dann zu einer ganzen Serie ausgewachsen und für uns, als Familie, war jedes neue Buch immer ein grosses Ereignis.

 

 «Die Figur sollte leben und

Entwicklungen mitmachen.»

 

Sat: Aber ist es nicht eine Art Zwang, wenn man in jedem Roman bei den gleichen Figuren bleiben muss?

 

C. Meier: Nein, das würde ich eigentlich nicht sagen, denn bei den «Kaminski-Kids» waren es ja eben meine Kinder und die Themen wuchsen mit ihnen.

 

Wenn man allerdings nur eine Figur «erschaffen» hat, sollte schon darauf geachtet werden, dass diese lebendig bleibt und nicht zu einer Schablone wird. Die Figur sollte leben und Entwicklungen mitmachen.

 

Carlo Meier

Sat: Wie sieht ein Arbeitstag bei Carlo Meier aus?

 

C. Meier: Mein Arbeitstag unterscheidet sich nicht gross von dem eines normalen Büroangestellten.

 

In meinem Atelier sieht es auch aus wie in einem Büro. Und da sind die drei Sachen, die in keinem Büro fehlen dürfen: ein Schreibtisch, ein Computer und eine Kaffeemaschine. Das ist alles, was ich zum Schreiben brauche. Dort verbringe ich die meiste Zeit. Ausser natürlich, wenn ich Informationen sammle.

 

Recherchen sind wichtig. Ich recherchiere die Themen für meine Bücher bei Fachleuten, Pädagogen und der Polizei. Gerade bei den verschiedenen Verbrechen sind die Polizeiarbeiten ja unterschiedlich. Für meine Krimis arbeite ich daher eng mit der Polizei zusammen.

 

Darum gibt es die Kaminski-Kids auch auf Kroatisch

 

Sat: Sie reisen auch häufig, um die Orte, in denen sich Ihre Geschichten abspielen, gut beschreiben zu können. Für das Buch «Das Geheimnis von Marrakesch» beispielsweise waren sie zehn Tage in Marrakesch und haben tagelang Gespräche mit Leuten vor Ort geführt, Schauplätze rekognosziert und Fotos gemacht.

 

C. Meier: Ja, aber ich gehe nie unvorbereitet an einen Ort. So hatte ich natürlich auch vor meiner Reise nach Marrakesch bereits ein gut entwickeltes Gerüst vorbereitet. Ich hatte also die Grob-Story bereits geschrieben.

 

Dieses Vorgehen ist sehr wichtig, damit man treffende Fragen stellen kann. Hat man die Ergebnisse, kann man die Geschichte anpassen, wenn das Geschehen nicht so abläuft (oder ablaufen kann), wie man es sich vorstellte. Und das ergibt wieder neue Fragen, die man auch noch vor Ort stellen können muss.

 

Sat: Sind die «Kaminski-Kids» auch schon in anderen Sprachen erschienen?

 

C. Meier: Ja, es gibt Übersetzungen auf Französisch, Holländisch und Kroatisch.

 

Sat: Kroatisch …?

 

C. Meier: … ja, kroatisch! Im kroatischen Fernsehen gibt es eine Sendung, in der Kinder ihre Lieblingsbücher beschreiben. Da hat ein kroatisches Mädchen aus der Schweiz ins Fernsehstudio nach Zagreb angerufen und von den «Kaminski-Kids» geschwärmt. Eine Verlagsleiterin, welche die Sendung zufällig sah, wurde so auf die Serie aufmerksam und daher gibt es die «Kaminski-Kids» auch auf Kroatisch.

 

 

«Ich habe mit 13 den ersten Kurzkrimi geschrieben.»

 

 

Sat: Ich habe gehört, dass Sie als Kind nicht gerne gelesen haben…

 

C. Meier: (lacht) wo haben Sie das gehört?

 

Sat: beim Besuch einer Ihrer Lesungen für Kinder, nach welcher die Mädchen und Buben Sie befragen durften …

 

C. Meier das stimmt, als Kind habe ich nicht gerne gelesen. Eigentlich habe ich meine Freude am Lesen erst in der Oberstufe entdeckt. Dann aber gleich richtig. Mit englischen Krimis.

 

Sat: Und welche Bücher lesen Sie heute so?

 

C. Meier: Krimis. Aber ich bin heute ziemlich extrem und lese nur ungefähr jedes fünfte Buch, das ich angefangen habe, zu Ende. Irgendwann habe ich nämlich gemerkt, dass ich einem Buch «Life-Time» widme. Warum soll ich also ein Buch lesen, das schlecht geschrieben ist oder mich nicht interessiert und langweilig ist? Ich finde, der Leser hat das Recht auf ein unterhaltsames Buch.

 

Sat: Gibt es Bücher von Autoren, die Sie besonders mögen? 

 

C. Meier:  Die Krimis von Lee Child. Child ist ein britisch-US-amerikanischer Thriller-Autor; bekannt für seine Romane, in deren Mittelpunkt immer der ehemalige US-Militärpolizist Jack Reacher steht. Aber auch den deutschen Schriftsteller Andreas Eschbach finde ich fantastisch. Er wurde für seine Werke bereits mehrfach ausgezeichnet und gilt als einer der bedeutendsten europäischen Science-Fiction-Autoren, wobei ich genau nicht die SF-Sachen von ihm lese, sondern praktisch alles andere.

 

Sat: Okay, gelesen haben Sie als Kind also nicht gerne. Wie stand es denn damals mit dem Schreiben? Wann haben Sie Ihre Freude am Schreiben entdeckt?

 

C. Meier: Ich habe mit 13 den ersten Kurzkrimi geschrieben. Beruflich wurde das Schreiben allerdings erst später – durch den Journalismus – zum Thema.

 

Sat: Mit 13 den ersten Kurzkrimi …

 

C. Meier: ja, ich war damals Fan von Krimis über den Scotland Yard, von Edgar Wallace und Agatha Christie. Inspiriert von diesen Vorbildern hat da mein Krimi natürlich auch in London gespielt. Und natürlich hatte es in meinem Krimi auch viel Nebel.

 

Sat: Vor rund zwei Jahren wechselten Sie mit Ihrem Buch «Hope Road»  vom Kindesalter kurz in reifere Gefilde. In diesem Krimi dient London auch als Kulisse…

 

C. Meier: … stimmt. Es war auch schon immer mein Traum, einmal eine Londoner Story zu schreiben. Für eine charmante Geschichte mit Zutaten eines englischen Kriminalromans ist diese Stadt geradezu ideal.

 

Sat: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dieses «Wohlfühlbuch» zu schreiben?

 

C. Meier: (lacht) «Wohlfühlbuch» …?

 

Sat: … ich habe es so empfunden. Ich würde dieses Buch wirklich allen empfehlen, die gerne etwas Spannung möchten, denen Krimis aber ansonsten schon zu hart sind. Für mich ist es ein echtes «Wohlfühlbuch».

 

C. Meier: Die Idee, einmal eine Geschichte mit älteren Protagonisten zu schreiben, kam eigentlich von Lisa Gangwisch. Sie hat während vieler Jahre die «Kaminski-Kids» illustriert. Ich habe die Handlung dann statt in eine Alters-Residenz in eine Senioren-WG versetzt. Lisa Gangwisch hat «Hope Rode» übrigens ebenfalls illustriert. Die fantastischen zweifarbigen Illustrationen können über www.hope-road.com auch als Desktop-Bilder oder zum Ausdrucken für Wandbilder heruntergeladen werden.

Sat:  Bitte erlauben Sie mir nochmals einen kurzen Abstecher zu den «Kaminski-Büchern»! Eben ist Ihr neuster Band erschienen. Was werden Simon, Debora, Raffaela und ihr Hund Zwockel in dieser Geschichte erleben?

 

C. Meier: Im Buch Der Selfie-Betrüger, geht es – wie der Titel es bereits verrät – um den Betrug mittels Selfies. Ein Junge bringt ein Mädchen, das in Mathe gut ist, dazu, ihm bei der Mathe-Prüfung die Lösungen zu schicken. Es geht dabei also um das Thema Prüfungsbetrug. Ein Fall, der im vergangenen

Herbst in Sursee wirklich passiert ist, hat mich dazu inspiriert.

 

Damit die Geschichte auch für die Leser der «Kaminski-Kids» spannend bleibt, wird Simon Kaminski in das Geschehen verwickelt. Sein Sitznachbar ist nämlich der Prüfungsbetrüger. In dem Moment, in dem der Lehrer das Geschehen bemerkt, schiebt er Simon das Handy zu. Da nun alle denken, Simon habe betrogen, geht es dann darum, zu beweisen, dass er es eben nicht war.

 

Sat: Können Sie uns etwas über Ihre zukünftigen Projekte erzählen? Schreiben Sie zurzeit an einem neuen Buch? Wie ich gelesen habe, schreiben Sie ja häufig an mehreren Projekten gleichzeitig.

 

C. Meier: Ich komme langsam ins Alter, in dem man den Wunsch verspürt, in der Welt etwas zu hinterlassen, von dem die anderen Menschen profitieren könnten. Daher überlege ich mir im Moment, Schreibkurse für Jugendliche und Erwachsene anzubieten. Diese würde ich bei genügend Interesse gegebenenfalls im nächsten Jahr durchführen.

 

Seit rund eineinhalb Jahren arbeite ich ausserdem an dem völlig neuen Projekt «Paradise Valley», einer Jugendbuch-Trilogie, die sich für Leser von 13 bis 130 Jahre eignet und deren erster Teil wahrscheinlich 2017 erscheinen soll.

 

Sat: Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg bei Ihrem Vorhaben. Wer weiss, vielleicht begegnen wir uns an einem Ihrer Workshops oder bei einer Ihrer Lesungen aus dem «Paradise Valley» wieder.

 

Vielen herzlichen Dank für die Zeit, die Sie mir gewidmet haben, Herr Meier.

 

Interview und Bilder: Daniela Sattler