«Winter ade, scheiden tut weh ...»

«Aus silbergrauen Gründen tritt

ein schlankes Reh

im winterlichen Wald

und prüft vorsichtig Schritt für Schritt,

den reinen, kühlen, frischgefallenen Schnee. 

Und deiner denk ich, zierlichste  Gestalt.»

Christian Morgenstern

 

Dort, wo in den letzten Tagen kaum ein Sonnenstrahl die Nebeldecke zu durchdringen vermochte, konnte sich im Laufe der vergangenen Tage die Sonne immer besser durchsetzen.

 

Der tiefe Hochnebel löste sich vom Vormittag an immer mehr auf, und schon kurz nach Mittag schien fast überall die Sonne.

 

Dies bedeutete für viele Orte im Flachland erstmals wieder Sonnenschein seit neun bis zehn Tagen. Und es wird wärmer...

 

Winter ade, scheiden tut weh ...

 

Die Menschen sind dem kalten Winter heute viel weniger ausgeliefert als früher, aber trotzdem macht ihnen der Frühling irgendwie bessere Laune.

 

Ich gestehe: Auch ich empfinde den Übergang vom Winter in den Frühling als eine der schönsten Schwellen, die wir in der Natur erleben können, aber mich vom Winter verabschieden zu müssen, tut mir trotzdem weh.

 

Aber dein Scheiden macht, dass mir das Herze lacht …

 

So stimme ich denn auch gar nicht so gern in das fröhliche Kinderlied ein.

 

Wie lange haben wir doch auf den Schnee warten müssen! Endlich ist er dann doch noch gekommen und der Januar ist seit 30 Jahren nicht mehr so kalt gewesen wie in diesem Jahr.

 

So herrlich kalt also, dass man ohne schlechtes Gewissen ruhig ein ganzes Wochenende auf der Couch verbringen konnte und auch mal etwas beherzter zum Gebäck greifen durfte. Durch übergrosse kuschelige Pullover lassen sich kleine Problemzonen schliesslich gut kaschieren.

 

Gerne vergess' ich dein, kannst immer ferne sein …

 

Ja, sicher! Natürlich kann es nerven, wenn man sich vor den Spaziergängen mit dem Hund (mehrmals täglich- und vielleicht auch mal nachts) erst in Daunen, Kappe und Handschuhe zwängen muss, bevor man die Wohnung verlässt. Doch ansonsten durfte man endlich wieder – und das ist für mich immer besonders schön im Winter - in Ruhe und ohne schiefe Seitenblicke zu riskieren, das sein, was man ist: Ein zufriedener Stubenhocker, der am liebsten auf dem Sofa liest oder was vor sich hin werkelt.

 

Nun, ich bin eben ein Stubenhocker! So was sucht man sich übrigens nicht aus. So wird man geboren! Und das ist natürlich in unserer lauten, hektischen Zeit etwas, womit man aus dem Rahmen fällt. So ein Zustand ist geächtet, und wenn man sein Coming-out als Stubenhocker hat, muss man hoffen, dass das im sozialen Umfeld akzeptiert wird.

 

 Winter ade, scheiden tut weh ..

 

Aber ich liebe den Winter nicht nur, weil ich ein Stubenhocker bin.  Ich liebe ihn und seine Kälte, weil ich den Sommer und dessen Hitze nicht mag.

 

Mit dieser Argumentation lebe ich mein Leben schon soweit ich denken kann. Und ich glaube, diese Art und Weise zu denken ist nicht unbedingt üblich. Sehr viele lieben nämlich den Sommer und mögen den Winter nicht – eben genau umgekehrt.

 

Früher war es einfach mein eigenes Problem, dass mir im Sommer alles zu heiss, zu aufdringlich und zu fidel war. Inzwischen weiss ich allerdings, dass es noch andere Menschen gibt, die so ticken wie ich.

 

Grund dafür: Temperaturen über 25 Grad Celsius machen uns kaputt.

 

Gehst du nicht bald nach Haus , lacht dich der Kuckuck aus …

 

Kaum blüht nämlich der Frühling auf, wächst er auch gleich zum Sommer heran und die Lebensqualität sinkt mit jedem Sommertag über 24 Grad Celsius rapide ab. Dies macht sich dann vor allem an der Geruchskulisse in den öffentlichen Verkehrsmitteln bemerkbar.

 

Ich kann es ja schon auf den Tod nicht leiden, wenn mir die Haare am Kopf kleben. Bin ich dann im Bus oder Tram noch von verschwitzen Leuten umgeben, die ihren Schweiss mit kampfstoffähnlichen Deos und Parfümwolken überdecken wollen, gibt mir das den Rest. Im Winter hingegen ist es überall wieder frischer, ja schon fast hygienisch.

 

Nein, nichts schlägt das Gefühl, wenn der Herbst dem Hitze-Stress ein Ende setzt; wenn die Tage kürzer werden und die Abende länger.