«Ach du Arme! So viel Pech wie du, möchte ich nie im Leben haben!»

 

  

«Wer den Schaden

hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen»

(Sprichwort)

 

 

 

 

Natürlich bin ich gerne für Bekannte und Freunde da, wenn es ihnen nicht gut geht. Irgendwann reicht‘s aber!

 

Schnupfen im Anflug, schlecht geträumt – irgendeinen Grund hat der Jammerer immer, den Kollegen sein Leid zu klagen. Es muss vermutlich auch sehr verlockend sein, stets ein Gesprächsthema aufgreifen zu können, durch das man Aufmerksamkeit und Mitgefühl bekommt. Ansonsten gäbe es wohl kaum so viele  Menschen, die beständig mit irgendwelchen Sorgen, die eigentlich keine sind, auf andere einreden.

 

Ganz besonders nervig sind diese Leute dann, wenn sie zusätzlich mit einer grossen Portion belehrender Besserwisserei ausgestattet sind. Solche Charaktere könnten mich mühelos in den Wahnsinn treiben.

 

So wie jene (ehemalige) Bekannte, von der ich hier schreibe.

 

Sie kosten Kraft und stehlen Energie

Sie redete gerne und viel – am liebsten über sich selbst. Und da niemand jemals so viele Niederlagen erleben wird, wie sie bereits erlebt hat (auch immer wieder erlebte und vermutlich auch künftig erleben wird), fühlte ich mich bald in einer Opfertragödie – als Zeugin für das Schlechte in der Welt instrumentalisiert.

 

Es gibt Menschen, die uns inspirieren, die uns guttun und uns bereichern. Und es gibt die anderen: Sie kosten Kraft und stehlen unsere Energie. Da meine Bekannte zu letzteren gehörte, versuchte ich schliesslich unseren Kontakt ganz langsam, ganz sachte einschlafen zu lassen.

 

Flexibel zu sein, wie eine Weide im Wind und unangenehme Situationen einfach zu verlassen oder ihnen auszuweichen, das ist meines Erachtens nicht grundsätzlich feige, sondern oft auch ein kluger Ausweg. Natürlich darf man nicht immer klein beigeben, aber man muss ebenso wenig jeden Kampf kämpfen. Dachte ich.

 

Irgendwie und irgendwann müssten es diese Menschen ja auch merken, dass man kein Interesse mehr hat, die Beziehung weiterzuführen. Davon war ich überzeugt.

 

Sie haben kein offenes Ohr für klärende Gespräche

 

Nach einer längeren Zeit der Funkstille meldete sich meine Bekannte schliesslich dann aber doch wieder bei mir. Erst mit der Schilderung ihres Befindens, denn sie litt gerade an einer Erkältung und dann mit der vorwurfsvollen Frage, warum ich mich eigentlich nicht mehr bei ihr gemeldet hätte.

 

Da gerade solche Menschen kein offenes Ohr für klärende Gespräche haben, reagierte ich nicht gross auf ihren Tadel. Man muss nicht jeden Kampf kämpfen, dachte ich abermals und versuchte erneut, den Kontakt einschlafen zu lassen.

 

«Ich recherchiere gerade über das Netzwerk der Al-Qaida»

 

Einige Monate später – ich sass gerade über einem ziemlich langweiligen

Text, den ich jedoch möglichst schnell abliefern sollte – läutete mein Telefon.

Da ich abgelenkt war, erkannte ich leider zu spät, dass es meine Bekannte war, die mir telefonierte -  und schon hatte ich den Anruf angenommen. 

 

«Was machst du gerade?», fragte sie.

 

«Ach nichts Interessantes! Ich recherchiere gerade über das Netzwerk der Al-Qaida», über die ich einen Artikel verfassen muss. Aber das ist nicht spannend», antwortete ich ganz spontan.

 

«Gut! Ach weisst du, auch ich muss viele Arbeiten erledigen, die nicht spannend sind», entgegnete sie mir. Und nachdem sie mich über sämtliche langweiligen Arbeiten, die bei ihr anfallen, aufgeklärt hatte, kam sie endlich zur Sache.

 

Sie hatte nämlich eine Beule ins Auto gefahren und ihren Schilderungen nach, rückte damit das Ende der Welt näher. Als Beweis dafür wollte sie auch gleich einige Bilder an meine E-Mail-Adresse schicken.

Diese klitzekleine Delle gab mir den Rest

 

Tatsächlich: Nachdem ich mir die Bilder einige Zeit später nach mehrmaligem Zoomen – und mit (zusätzlicher) Hilfe einer Lupe – genau angesehen hatte, glaubte wirklich sowas wie eine kleine Vertiefung zu erkennen. Aber eben - ich glaubte!

 

Gerade diese klitzekleine Delle, gab mir jedoch den Rest.  Diese winzige Beule war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. In mir machte es plötzlich «klick» und ich schrieb ihr per Mail: 

 

«Wow, das sieht ja wirklich entsetzlich aus! Ich hoffe, du bist mit dem Auto nicht noch selber in die Garage gefahren, sondern hast es abschleppen lassen! Sonst hat ja auch noch jeder gleich mitbekommen, wie schlecht du Auto fährst! Also ich wäre fix und fertig gewesen!»

 

«Das ist ja so peinlich! Dass das ausgerechnet dir passieren musste!»

 

Ich wollte gerade noch fragend hinzufügen, ob denn ihr Mann nicht wütend geworden sei. Glücklicherweise erinnerte ich aber dann noch , dass meine Bekannte ja nicht verheiratet war - damals zumindest nicht.

 

Also beendete ich meine Nachricht mit den Worten: «Das ist ja wirklich absolut peinlich! Dass das ausgerechnet dir passieren musste! Ach du Arme! So viel Pech wie du, möchte ich nie im Leben haben!»

 

Tja, dem persönlichen Unglück schliesst sich häufig noch die Frotzelei der anderen an. Meine Bekannte hat sich seither nie mehr bei mir gemeldet. Der Kontakt ist nun endgültig eingeschlafen!