«Hommage an eine Mutter»

 

 

«Das Auge der Mutter ergründet das Kind bis in die

Tiefen des Herzens»

Johann Heinrich Pestalozzi  

Gastbeitrag v. Peter Štrba

 

 

Die eigene Mutter ist für die meisten der wichtigste Mensch im Leben. Kein Wunder, denn die Liebe einer Mutter zu ihren Kindern ist etwas ganz Besonderes. Mit einem liebevollen Porträt sowie einem ergreifenden Gedicht, darf ich in meinem Blog einen besonders schönen Gastbeitrag publizieren:  Peter Štrbas berührende Hommage an seine Mutter Anna Štrba Sattler.

 

Sie war sensibel und hatte kein leichtes Leben

 

Meine Mutter, Anna Štrba Sattler, bleibt mir als friedensliebende und Harmonie stiftende Natur in Erinnerung. Ihre Gemüts- und Charaktereigenart war von sensibler Natur. Sie hatte kein leichtes Leben, denn sie musste manches Schicksal im Leben hinnehmen.

 

Als ältestes von fünf Geschwistern hatte sie bereits als Kind viel an Verantwortung für die Familie mitzutragen. Sie war eine gute Schülerin und lernte gerne. Aus diesem Grund empfahl ihr der Lehrer, sich für das Lehrerseminar zu bewerben. Doch Arbeitslosigkeit und die Armut der

Familie liessen dies nicht zu. So kam es dann, dass sie - kaum volljährig- in der Landis & Gyr als ungelernte Hilfskraft arbeiten musste, um die Familie finanziell zu unterstützen.

 

 

Die schwierigen Zeiten belasteten auch das Verhältnis ihrer Eltern, was ihr, als sensible Natur, besonders stark zu Gemüte schlug.

 

Als friedliebender Mensch hielt sie nach deren Scheidung, jedoch ihrem Vater

und ihrer Mutter, unparteiisch die Treue.

 

Auch die Machtspiele der Religionen musste sie schon früh erkennen. Katholisch erzogen, wollte ihr der Priester weismachen, dass nur Katholiken wahre Christen seien. Als sie dann einen evangelisch-reformierten Mann heiratete, wähnte er sie auf Teufels Wegen und drohte ihr mit der Hölle.

 

Von solchen Erlebnissen geprägt und immunisiert reifte in ihr eine Toleranz für alle Menschen heran, gleich welcher Etikettierung. Allzu schnelles Verurteilen, aufgrund eines oberflächlichen oder engstirnigen Kategorisierens war ihr fremd.

 

Ich mag mich nicht erinnern, dass sie je ein schnelles Urteil über einen Menschen gefällt hat. Nein, meine Mutter nahm für schwächere und wehrlose Menschen stets eine beschützende Position ein.

 

Wo andere einen Menschen als geistig beschränkt preisgaben, sah sie vorerst einen vorsichtigen und sensiblen Menschen.

 

Wo andere einen Menschen als unaufgeschlossen abschrieben, empfand sie vorerst seine Schüchternheit.

 

Wo andere einen Schleimer vor sich zu haben glaubten, sah sie vorerst einen verunsicherten Menschen, der durch Fügsamkeit Anerkennung sucht.

 

Kurzum, sie schenkte jedem Menschen vorerst Vertrauensvorschuss, bevor sie sich über diesen ein Urteil erlaubte. Und ist es nicht gerade dies, was man Liebe nennt? Ich denke schon.

 

Aber dazu braucht es auch eine gute Portion Mut, denn ein Vertrauensvorschuss kann auch missbraucht werden. Und gerade dies wurde ihr leider auch nicht immer erspart.

 

Das Schreiben und Malen gab ihr Kraft

 

Obschon ihre sensible Natur dem Druck nicht immer standhalten konnte, erfuhren wir Kinder nur wenig von den Ursachen ihres Leidens. Uns damit zu belasten, hätte ihrem Wesen widersprochen. Mit ihrem Schreiben und Malen fand sie glücklicherweise Oasen, in denen sie ihr Leid verarbeiten und ihren Gedanken und ihrem Fühlen freien Ausdruck verleihen konnte.

 

Gegen alle Steine die ihr in den Weg gelegt wurden, wusste sie das Leben

doch zu lieben. Denn nur wer das Leben liebt, kann auch die Liebe leben. Sich

selbst sein, sich treu bleiben und die Wesensart anderer Menschen akzeptieren,

entsprach ihrer, durch manches Leid, von Toleranz und Liebe geprägten

Geisteshaltung.

 

Wie sie die Kunst der EigenArt auf ihre Eigenart zum Ausdruck brachte,

erkennt man aus dem Gedicht.

 

 

»Jedes Kind hat seinen Namen,

jeder Mensch hat sein Gesicht.

Jeder hat sein eigenes Wesen,

das nicht jedem eigen ist.

 

Drum lass jedem seinen Namen

und vergleich ihn nicht mit

deinem Gesicht.

 

Jedes Kind hat seinen Namen,

keines ist dem andern gleich;

jedes hat seine Art und Weise,

jedes Kind ist reich!«

 

Horgen, den 11. August 1977

Anna Štrba Sattler