Zeig dich authentisch, aber nur von deiner besten Seite!

 

 «Mache dir selbst zuerst klar,

was du sein möchtest;

und dann tue,

was du zu tun hast.»

Epiktet

 

 

 

Nicht wer man heute ist, ist das Ziel, sondern wer man sein möchte. Und dies möglichst in einer besseren Version als in der aktuellen. Die Gabe, echte Werte zu erkennen, zu bewahren und zu leben verdient Bewunderung. Die Veränderung des Denkens und Handelns steht dabei nicht im Widerspruch zur Authentizität - im Gegenteil.

 

Wir tragen alle eine Maske

 

Haben Sie auch schon Zeit mit einer Person verbracht, in deren Gegenwart Sie sich ausgesprochen unwohl fühlten? Mir passiert das immer mal wieder. Ich kann dann kaum einen Satz bilden, weil meine Antennen irgendetwas aufnehmen, dass sich nicht richtig anfühlt. Heisst: In solchen Momenten spüre ich,  dass das, was ich gerade sehe und höre und das, was wirklich los ist, nicht übereinstimmt.

 

Das bedeutet für mich: Diese  Person verbirgt, überdeckt etwas. Sie ist nicht so, wie sie sich gibt. Solche Situationen sind für mich immer äusserst verwirrend, frustrierend, ja, sogar quälend und ich fühle mich erst wieder wohl, wenn ich mich verziehen kann.

Dabei habe ich das ja auch schon gemacht. Und gar nicht selten. Ja, auch ich habe schon Dinge gefälscht, um mit der Welt und allem fertigzuwerden: Habe beispielsweise gelächelt und mich freundlich verhalten, obwohl es in meinem Innern vor Wut richtig kochte; habe versucht, mich stark zur präsentieren, obschon ich mich unsicher und verletzlich fühlte...

 

Sei, wie du bist! Sei authentisch und verwirkliche dich! Noch nie waren wir freier als heute. Oder stehen die "Social Media" nicht als Formel für das freie Ich?

 

In einem Zustand andauernder Furcht

 

In den neunziger Jahren schrieb Kevin Kelly, Mitbegründer des Magazins Wired, wie er eine chamäleonartige Anolis-Echse in ein Spiegelkabinett setzte. Das Ergebnis liess viele Interpretationen zu, denn das Tier nahm den Grünton an, den es ansonsten bei Schreckreaktionen zeigt. Vermutlich, so schloss Kelly, befand sich das Chamäleon „in einem Zustand andauernder Furcht vor seiner eigenen, verstärkten Fremdartigkeit.“ In einem puren Stress vor sich selbst also.

 

Derart gestresst müssten sich heute eigentlich viele von uns fühlen, denn spielen wir nicht alle jeden Tag verschiedene Rollen? Wir entsprechen im Beruf den Erwartungen und spielen im Privaten (je nach dem) Rollen, um beachtet zu werden, um anderen zu gefallen oder um sie zu provozieren.

 

Und das Internet macht es uns auch nicht leichter. Ganz im Gegenteil. Hier wird uns mal die Anonymität erlaubt, und dann wieder haben wir die Möglichkeit, mit einem kreativen "Patchwork-Profil" unsere Persönlichkeit aus verschiedenen Facetten zu gestalten. So können wir uns also mal als coolen Kumpel und dann als sachlichen Profi präsentieren.

 

Selbstmarketing ist im Trend. Das virtuell entworfene Image wird für den Erfolg immer wichtiger und die Optimierung des Selbst und der passenden Fassade dazu rücken zum wichtigen Karrierefaktor auf. Aber das, was dabei herauskommt, ist meistens perfekter als das Original.

 

Daher frage ich mich schon ab und zu, wie lange derjenige, der so handelt, selbst noch echt bleibt und wo die zulässige Eigenwerbung endet und der eigentliche Bluff beginnt.

 

Der Kult des Authentischen

 

Viele Forscher diagnostizieren in der westlichen Gesellschaft eine „massive Sehnsucht nach Echtheit“. Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen beispielsweise, der übrigens gern auf Kellys Chamäleon-Experiment verweist, spricht gar von einem "Kult des Authentischen".

 

So verständlich diese Sehnsucht nach Echtheit auch sein mag, so berechtigt scheint mir doch die Frage: Geht das überhaupt? Unsere Persönlichkeit ist ja offenbar auch kein zementierter (stabiler) Zustand, denn anscheinend verändern wir unsere Identität im Schnitt alle 20 Jahre. Dies zeigt jedenfalls das Ergebnis einer Studie von Margaret King und Jamie O’Boyle auf. Nach dieser liegen die typischen Anpassungsphasen in etwa im Lebensalter zwischen 15 und 20, 35 bis 40, 55 bis 60 sowie über 75 Jahren. Der abgeschlossene, fertige Mensch, der so ist, wie er ist, ist also eine Illusion.

 

Psychologe und Kognitionsforscher Wolfgang Prinz zieht in seinem Buch „Selbst im Spiegel“ die Bilanz seines Forscherlebens. Was wir für unser Ich hielten, sei letztlich nur ein Konstrukt, das im sozialen Kontext entstehe. Also der soziale Austausch mache den Kern unseres Menschseins aus.

 

Gewisse Charaktereigenschaften sind uns weniger bewusst

 

Die Psychologie hat in den vergangenen Jahren aber auch eine Reihe von Eigenschaften beschrieben, die sich im Laufe einer menschlichen Biografie kaum wandeln. Dazu gehören die sogenannten Big Five:  Extro-/Introvertiertheit, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Offenheit und Neurotizismus (also seelische Instabilität).

 

Die Psychologen erklären, dass auch diese Eigenschaften - ähnlich wie unsere Intelligenz - zwar im Laufe unseres Lebens gewisse Veränderungen und Entwicklungen durchmachen, dass aber die relativen Unterschiede zu anderen Personen dabei immer stabil bleiben.  Anders gesagt: Wer als Kind gewissenhafter oder intelligenter war als seine Altersgenossen, bleibt es also offenbar auch als Erwachsener.

 

Leider aber sind uns selber diese Charaktereigenschaften oft weniger bewusst als den Menschen um uns herum. Ein gutes Beispiel aus meinem Leben: Während meine Tante häufig darüber lächelte, dass ich ja schon als Kind immer so introvertiert gewesen sei, hatte ich selber lange Zeit das Gefühl, mich inzwischen doch etwas verändert zu haben.

 

Wir suchen Rollen und Milieus, die uns entsprechen

 

Die eigene Identität werde erst im Laufe des Lebens geformt, erklärt der Psychologe Klaus Rothermund von der Universität Jena. Ein Selbstbild zu entwickeln bedürfe geduldiger innerer Arbeit. Diese werde vor allem in der Jugend geleistet. Da erprobe man seine Talente und Vorlieben, suche Freunde, Kleidung und Symbole, die mit der Vorstellung vom eigenen Ich korrespondieren.

 

 «Menschen betrachten immer die Gegenwart als einen Wendepunkt in ihrer Biografie,

an dem sie endlich die Persönlichkeit geworden sind, die sie für den Rest ihres Lebens bleiben werden.»

(D. Gilbert/J. Quoidbach "Die Illusion vom Ende der Geschichte")

 

 

Genetische Dispositionen würden dabei ebenso einfliessen, wie frühe Kindheitserfahrungen. Und so würden sich Anlagen und Umwelteinflüsse in einem fort wechselseitig bedingen. Heisst: Menschen suchten sich immer mehr jene Rollen, Milieus und Partner aus, die ihnen entsprechen – und dies wiederum verstärke bereits angelegte Wesenszüge. Oder mit einem weiteren Beispiel: Fussball talentierte oder an Philosophie interessierte Menschen suchen die Gesellschaft anderer Kicker oder Schöngeister und werden dadurch schliesslich zu richtigen Fussballern oder Philosophen.

 

Wirklich abgeschlossen sei dieser Prozess aber erst, wenn man auch andere davon überzeugt habe, dass man der sei, den man scheinen wolle, erklärt Rothermund.

 

Abrupte Umbrüche bedrohen Identität massiv

 

Glauben wir diese Identität gefunden zu haben, tun wir dann alles, diese zu stabilisieren, zu verfestigen und gegen Angriffe zu verteidigen. Dabei schrecken wir auch nicht davor zurück, Realitäten, die der Vorstellung vom stabilen Ich entgegenstehen, hartnäckig zu ignorieren.

 

Dies können wir übrigens beim „Alterungsprozess“ besonders gut beobachten. "Du bist immer so alt, wie du dich fühlst", sagen wir gerne.   Und daher fühlen wir uns, selbst dann, wenn wir merken, dass uns die Haare ausfallen und das Gesicht knittert, nicht selten immer noch wie 20. Körperlich und geistige Veränderungen schieben wir dabei bewusst beiseite.

 

„Die Illusion vom Ende der Geschichte“ betitelten die Psychologen Daniel Todd Gilbert und Jordi Quoidbach ihre Studie, sie schreiben darin: "Menschen betrachten immer die Gegenwart als einen Wendepunkt in ihrer Biografie, an dem sie endlich die Persönlichkeit geworden sind, die sie für den Rest ihres Lebens bleiben werden."

 

Laut den Psychologen funktioniert diese Stabilitätsillusion allerdings nur bei allmählichen Veränderungen reibungslos. Abrupte Umbrüche nämlich  bedrohen die eigene Identität massiv: Bei manchen Menschen würden solche Umbrüche sogar zu Persönlichkeits-Störungen führen. Zum  Borderline-Syndrom etwa, bei dem die Betroffenen Persönlichkeitsteile von sich abspalten müssen, um zu überleben.

 

Sei der Bruch im (Selbst-)Bild unvermeidbar, folge die Phase der Anpassung und Umorientierung. Dann verweise der ins Wanken Gebrachte verstärkt auf irgendwelche Verdienste in anderen Sachen, die ihm nun als neuer "wahrer" Kern dienen würden.

 

 «Das gelebte Leben kann einem schliesslich keiner wegnehmen.»

(Klaus »Rothermund)

 

Wenn das Berufsleben zu Ende gehe, die Kinder aus dem Haus seien, der Körper von Zipperlein heimgesucht werde und das Gedächtnis nachlasse, laufe es ähnlich ab.

 

Um auch unter solchen Umständen das Gefühl einer stabilen Ich-Identität aufrechtzuerhalten, verschiebe man nach und nach die Bewertungsmassstäbe: Wer merke, dass er mit Jüngeren nicht mehr mithalten könne, vergleiche sich eben nur noch mit Gleichaltrigen – so könne man sich selbst mit 70 noch topfit fühlen.

 

Oder man tauche in die Vergangenheit ein. "Das gelebte Leben kann einem schliesslich keiner wegnehmen", erklärt der Psychologe Rothermund. Und er fügt hinzu, auch das könne ein stabiles Identitätsgefühl erzeugen.

 

Eine gnädige Einrichtung unserer Seele

 

Aber ist das nun nicht eine Art Selbstbetrug im Dienste der Identitätssicherung?

 

Nein, aus Sicht der Psychologie ist es eine gnädige Einrichtung unserer Seele und ein höchst sinnvolles Verhalten. Denn letztlich komme es darauf an, dass das Selbstbild zu den Lebensumständen passe. Und diese "Anpassung" sei niemals starr, sondern könne sich laufend verändern.

 

In Momenten, in denen wir bei uns selbst zu Hause sind und das Gefühl haben, dort angekommen zu sein, wo wir hingehören, können wir also sogar das Gefühl einer "Resonanz" erleben.

 

Man solle sich allerdings von der Vorstellung befreien, dass sich diese Resonanz immer in denselben Situationen mit denselben Leuten auf dieselbe Weise einstelle, so die Psychologen. Im Gegenteil: Das wahre Ich sei vielmehr das Ich in Bewegung, das sich ständig wandle.

 

Deshalb sei auch die Vorstellung irrig, dass man etwa bei der Partnersuche per Mausklick im Internet den einen, ein für alle Mal passenden Partner finden könne. Die Liebe sei (wie das ganze Leben) vielmehr der Versuch, in einem andauernden Prozess immer wieder neu den richtigen, den "passenden" Umgang miteinander auszuhandeln.

 

Es gibt keinen unwandelbaren Persönlichkeitskern

 

Authentisch zu sein bedeute somit: sich bewusst zu werden, dass es keinen unwandelbaren Persönlichkeitskern gibt, keine ein für alle Mal feststehende Quintessenz des eigenen Wesens, sondern dass wir stets versuchen müssen, uns immer wieder neu auf die Gegenwart einzustellen.

 

Diesen Zwang zur beständigen Veränderung beschreiben die Psychologen Franz Neyer und Judith Lehnart mit folgenden Worten: "Wir ändern uns, weil wir uns den Anforderungen des Lebens anpassen. Und wir bleiben, wer wir sind, weil wir dies auf die uns eigene Art und Weise tun."

 

 «Wer authentisch sein will, muss der Realität ins Auge blicken und auch unangenehme Rückkopplungen – seien sie optisch oder verbal – akzeptieren.»

Michael Kernis und Brian Goldman

 

Und wie finden wir diese "uns eigene Art und Weise"? Eines der einfachsten Mittel sei nach wie vor der prüfende Blick in den Spiegel. Der amerikanische Ökonom und Management-Berater Peter Drucker überlieferte dazu eine aufschlussreiche Anekdote aus der Zeit König Edwards VII. : Ein ranghoher Mitarbeiter der deutschen Botschaft in London sollte 1906 ein Dinner organisieren und für den sinnenfrohen König ein Dutzend Prostituierte einladen. Doch der Mann trat lieber von seinem Posten zurück, als seinen moralischen Überzeugungen zuwiderzuhandeln.

 

Gefragt, was ihn zu der radikalen Entscheidung bewogen habe, antwortete er: Er habe die Vorstellung nicht ausgehalten, "morgens beim Rasieren im Spiegel einem Zuhälter ins Gesicht zu blicken"

 

Sich selbst authentisch erleben

 

Die Sozialpsychologen Michael Kernis und Brian Goldman zeigen derweil vier Kriterien auf, die erfüllt sein müssen, damit wir uns selbst authentisch erleben:

 

Bewusstsein:

Wir müssen unsere Stärken und Schwächen ebenso kennen wie unsere Gefühle und Motive, also warum wir uns so oder so verhalten. Erst durch diese Selbstreflexion sind wir in der Lage, unser Handeln bewusst zur erleben und zu beeinflussen.

 

Ehrlichkeit:
Leider neigen wir Menschen dazu, uns schöner zu sehen als wir sind. Sogar sprichwörtlich. So gibt es einen amüsanten Versuch von Nicholas Epley und Erin Whitchurch mit Porträtfotos und durch Photoshop geschönten Varianten. Auf die Frage, welches der Fotos die Probanden selbst zeige, entschieden sich diese jedes Mal für das aufgehübschte Foto. Sollten sie hingegen die Porträts anderer Teilnehmer identifizieren, wählten sie ohne Probleme das unbehandelte, authentische Gesicht. Traurig, aber wahr: Wer authentisch sein will, muss der Realität ins Auge blicken und auch unangenehme Rückkopplungen – seien sie optisch oder verbal – akzeptieren.
Konsequenz:
Wer Werte hat, sollte danach handeln. Das gilt auch für einmal gesetzte Prioritäten oder für den Fall, dass man sich dadurch Nachteile einhandelt. Kaum etwas wirkt verlogener und unechter als ein Opportunist.

 

Aufrichtigkeit:

Ein geschöntes Bild lässt sich sicher einige Zeit aufrechterhalten. Ein bisschen Show muss ein.  Aber nicht, wenn es um Authentizität geht. Wer wahrhaftig sein will, sollte die Grösse zeigen, auch seine negativen Seiten zu offenbaren.

 

Quelle: «Mein wahres Gesicht» von Ulrich Schnabel; «Zeit» (Wissen) v. 28.08.2014; 

  «Die Kunst authentisch zu sein» von Jochen Mai   «Karrierebibel» v. 24.4.2013

Bild: Pixabay; Chamäleon