«Ich möchte lieber nicht» - «I would prefer not to»

 

«Ich sehe die Gestalt noch vor mir – farblos

ordentlich, Mitleid erregend anständig, rettungslos verlassen! Es war Bartleby.»

(Ausgabe «Bartleby, der Schreibgehilfe»;

übersetzt v. Elisabeth Schnack; erschienen im Manesse Verlag, Seite 22)

 

 

Herman Melville (1819-91) stammte aus einer verarmten New Yorker Familie. Er ging früh zur See und verdingte sich als Matrose, unter anderem auch auf Walfängern. Seine Reisen führten ihn bis in die Südsee. 1844 kehrte er in die USA zurück, lebte als freier Schriftsteller und war von 1866-85 als Zollinspektor in New York tätig. Der Romancier und Autor von Kurzgeschichten und Lyrik gilt als einer der bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller. Sein Meisterwerk «Moby Dick» zählt zu den Klassikern der Weltliteratur.

 

«Bartleby the Scrivener» erst anonym veröffentlicht

 

«Bartleby der Schreiber» ist das erste Werk, das Melville nach «Moby Dick» verfasste. «Bartleby the Scrivener» wurde im November und Dezember 1853 zuerst in zwei Teilen anonym in der Zeitschrift «Putnam’s Monthly Magazine» veröffentlicht.

 

Die deutsche Erstübersetzung von Karl Lerbs erschien 1946 unter dem Titel «Bartleby» im Zürcher Arche Verlag. Seitdem sind zahlreiche weitere Übersetzungen unter verschiedenen Titeln wie «Der Schreiber Bartleby» oder «Bartleby, der Schreibgehilfe» veröffentlicht worden, teilweise mit Untertiteln wie «Das seltsame Leben eines Kanzleischreibers im alten New York» oder «Eine Geschichte aus der Wallstreet».

 

Zwei neuere Übersetzungen erschienen 2002 von Elisabeth Schnack im  Manesse Verlag, Zürich und 2010 von Felix Mayer im Kölner Anaconda Verlag. (Quelle Wikipedia )

 

An der Erzählung bleibt ein Geheimnis

 

«Bartleby, der Schreiber» ist einer der Schlüsseltexte der Moderne, geschrieben zu einem Zeitpunkt, als man von der Moderne noch kaum etwas ahnte. Obschon die Erzählung schon nach vielen Seiten hin interpretiert wurde, bleibt an ihr ein Geheimnis, das mit Worten wohl nie ganz aufgelöst werden kann.

 

«Ich möchte lieber nicht» oder «I would prefer not to » ist wahrscheinlich

einer der berühmtesten Sätze der Literaturgeschichte. Mit diesen Worten zeigt

Bartleby, der schrullige Schreibgehilfe einer New Yorker Anwaltskanzlei auch

unverhohlen seinen Widerwillen gegen alle unliebsamen Pflichten dieser Welt.

 

Am Anfang arbeitet Bartleby mit sehr viel Fleiss

 

Ein alternder Anwalt erzählt in der Ich-Perspektive von einem sonderbaren Kopisten namens Bartleby, den er in seiner Kanzlei in der Wall Street anstellt, um sich und seine Mitarbeiter zu entlasten. Schon ihr erstes Zusammentreffen verläuft steif, ohne Herzlichkeit. Bartleby wirkt blass, ausgezehrt, zu keinerlei gefühlvoller Regung imstande.

 

Bartleby beginnt seine einfachen Kopierarbeiten zwar mit sehr viel Enthusiasmus und Fleiss. Doch schon bald verweigert er das Korrigieren seiner Abschriften, später auch das Kopieren selbst und schliesslich sogar das Verlassen seines Arbeitsplatzes. « I would prefer not to » («Ich möchte lieber nicht») entgegnet er auf alle Aufforderungen seines Vorgesetzten.

 

Bartelbys Ausstrahlung wird immer beängstigender

 

Der anfänglich strebsame und gewissenhafte Mitarbeiter entwickelt sich immer mehr zum Mühlstein am Halse des Anwalts. Was auch immer der Anwalt vorschlägt, wird von Bartleby mit den Worten «Ich möchte lieber nicht» zurückgewiesen. Sogar die Kündigung erträgt er mit einer stoischen Ruhe und Gelassenheit – indem er ihr Vorhandensein einfach nicht zur Kenntnis nimmt.

 

Der Inhaber der Kanzlei zieht schliesslich aus seinen Räumen aus, weil es ihm unmöglich ist, Bartleby langfristig aus diesen zu entfernen. Und plötzlich beginnt der seelenlose Bartleby eine geradezu beängstigende Ausstrahlung zu entfalten.

 

Obschon er ja eigentlich nichts weiter tut als seinen freien Willen zu bekunden, wirkt er in seiner unverrückbaren Konsequenz, seiner Einsilbigkeit und seiner Unzugänglichkeit wie eine Heimsuchung.

 

Er tut eigentlich nur das, was jedem zugstanden werden sollte

 

Ich habe die im Manesse Verlag erschienene Fassung von Elisabeth Schnack «Bartleby, der Schreibgehilfe» gelesen. Und ich finde, über dieses Werk lässt sich

gerade heute vortrefflich diskutieren. Denn Bartleby tut ja eigentlich nichts anderes, als seinen freien Willen zu bekunden. Zwar überdurchschnittlich häufig und vehement, aber eigentlich tut er doch das, was jedem zugestanden werden sollte.

 

Würden wir nicht auch gerne häufiger «lieber nicht wollen»? Zwingen uns nicht oft Gegebenheiten dazu, gegen unseren Willen zu handeln? Wie weit können wir überhaupt nach unserem freien Willen handeln? Wohin könnte es uns führen, wenn wir uns total von der Gesellschaft entkoppelten und nur noch nach unserem Willen handelten?

 

Barleby ist für mich eine Figur, die sich ohne eindeutige Botschaft, aber umso dringlicher im Kopf des Lesers festsetzt und ihn mit sich selbst konfrontiert. Bartleby wirft uns auf uns selbst zurück. Auf die Frage, wo wir uns verorten, wozu wir in der Gesellschaft Ja sagen und wo wir nicht mehr bereit sind, mitzumachen.

 

Als ich die Erzählung zum ersten Mal las, fühlte ich mich zwar "gut unterhalten", aber auch ziemlich "aufgewühlt" beinahe "verstört". 

 

 

Seine Arbeitsverweigerung weicht einer Lebensverweigerung

 

Bartleby endet schliesslich im Gefängnis, weil es keine andere Unterbringungsmöglichkeit für ihn gibt. Dort weicht seine Arbeitsverweigerung dann einer generellen Lebensverweigerung und er stirbt kurz nach seiner Inhaftierung kläglich zusammengerollt im Innenhof der Haftanstalt.

Titel: Bartleby, der Schreibgehilfe

Verlag: Manesse

Erschienen: 2002

Einband: Gebunden 

Seiten: 94

ISBN: 3-7175-4030-0

Weitere Informationen:

 

Dieter Wunderlich: Buchtipps & Filmtipps

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(Bild: Pixabay: Quellen: Literatourismus, Wikipedia)

 

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