«Mein Freund Egon»

 

   

«Glücklich sind die Menschen, wenn sie haben, was gut für

sie ist»

Platon

 

 

Es gibt Menschen, die lieben Tiere so sehr, dass sie sich eines oder gar mehrere davon halten: Hamster beispielsweise, Katzen oder Hunde. Im Jahr 2016 lebten schätzungsweise 522.000 Hunde und rund 1,66 Millionen Katzen in der Eidgenossenschaft.

 

Vierbeiner sind zu Partnern geworden

 

Bello und Schnurrli haben in unserer individualisierten Gesellschaft neue Rollen übernommen. Der Hund wird meist nicht mehr als Wächter gehalten und die Katze maust vorwiegend auch nur noch aus Spass an der Sache.

 

Die Vierbeiner sind zu Partnern geworden, sind Kinderersatz, Mitbewohner oder Lebensabschnittsgefährten. Leute, die mit solchen Freundschaften wenig am Hut haben, mögen sich darüber zwar wundern, doch eine innige Beziehung zwischen Mensch und Tier scheint die Regel zu sein, nicht die Ausnahme.

 

Ich liebe Tiere sehr. Mehr als Menschen. Unter diesen gibt es zu viele Idioten. Die vierbeinigen Geschöpfe beruhigen mich und ich muss ihnen nicht erst lange erklären, wieso ich bin, wie ich bin. Genau aus diesem Grund habe ich bereits Hamstern, Kaninchen, Vögeln, mehreren Katzen und Hunden sowie etlichen anderen Tieren ein Zuhause geboten. Ja, mir liegt das Wohl meiner felligen oder gefiederten Gefährten sehr am Herzen. So natürlich auch jenes von Egon.

Er ist eigentlich genauso anhänglich wie ein Hund.

 

Egon begleitete mich bisher treu durchs Leben. Er ist eigentlich genauso anhänglich wie ein Hund. Positiv an ihm ist allerdings, dass er nicht so viel nach draussen will, und dass er nicht so viel Aufmerksamkeit von mir verlangt, wie das ein Hund tut. Für seine Präsenz sorgt er ganz alleine. Jetzt gerade beispielsweise, schaut er mich mit traurigen Augen an. „Dieser Beitrag ist nun schon lang genug“, sagt mir sein Blick.

 

Für viele mag dies jetzt richtig schräg klingen, aber wenn Egon mich so anschaut, wirft das in mir immer die Frage auf: Was will ich wirklich? Wenn – wie gerade in diesem Fall – dabei rauskommt, dass ich die Abfassung dieses Textes zwar nicht als absolut wichtig erachte, aber dennoch sinnvoll finde, zieht sich Egon zurück.  

 

In diesen Momenten stehen die Chancen ganz schlecht,

dass ich mich gegen ihn durchsetzen kann.

 

Doch meine Dispute mit Egon verlaufen nicht immer in gleicher Weise, denn manchmal äussert er seine Ansichten ausserordentlich hartnäckig. Am Morgen etwa, wenn ich aufstehen will. „Aber nein, du wirst doch jetzt nicht schon aufstehen?“, flüstert er mir dann jeweils ins Ohr.

 

In diesen Momenten stehen die Chancen ganz schlecht, dass ich mich gegen ihn durchsetzen kann. „Ach, du arbeitest ja nachts so häufig. Also geniesse es jetzt noch etwas!“, weiss er mich immer zu beruhigen. Da ich dann stets noch das Gefühl habe, er liege mit seinem ganzen Gewicht (gefühlte hundert Kilos) auf mir, habe ich verständlicherweise zu wenig Kraft, mich gegen ihn zu wehren, und so gebe ich dann jeweils auch nach.

 

Sein Aussehen hat viele Varianten

 

Jeder scheint ihn zu kennen und niemand scheint ihn zu mögen. Im Zweifel muss er einfach für alles herhalten, was wir nicht anpacken oder nicht durchhalten. Sein Aussehen hat viele Varianten. Prinzipiell ist er unsichtbar und hat weder Gewicht noch Grösse. Psychologen heben hervor, dass er seine Gestalt vor allem durch unsere Imagination, unsere eigenen Gedanken erhält. Daher ist die Darstellung des inneren Schweinehundes auch so unterschiedlich und reicht vom gemeinen Biest bis zum niedlichen Schosshund.

 

Mein „Schweini“ ist klein. Daher kann er mir auch überallhin folgen.  Aber man kann ihn nicht einfach an der Leine führen oder in ein Körbchen legen. Obschon er kräftig gebaut ist, bewegt er sich sehr leichtfüssig. Sein Fell ist kurz, die Haut an seinen Schultern und an seinem Kopf wirft süsse Falten. Seine Ohren ähneln jenen von Fledermäusen und die Äuglein in seinem eckigen Stupsnasen-Gesicht blicken meist neugierig und aufmerksam in die Welt. Aber eben – er kann mich auch traurig anschauen, das habe ich ja bereits erwähnt. Egon ist nämlich sehr leidenschaftlich. Er kuschelt nicht nur gerne mit mir, sondern geniesst auch unsere gemeinsamen Nickerchen sehr.

 

Egon ist für mich nicht einfach eine Instanz in mir, die ich für all das,

was nicht passiert, verantwortlich mache.

 

Ich gebe zu, dass Egon mich manchmal nervt, aber ich liebe ihn. Er ist für mich nicht einfach eine Instanz in mir, die ich für all das, was nicht passiert, verantwortlich mache. Er ist mein bester Freund, denn häufig ist er viel vernünftiger als ich.

 

Etwa dann, wenn ich nach der Erledigung eines ätzenden Auftrags auf dem Sofa vor dem Fernseher lande, anstatt das Badezimmer zu putzen oder die Wäsche zu bügeln. In jenen Momenten ist mir zwar meist klar, dass mein Bedürfnis nach Erholung gross ist, wäre da doch nur nicht immer dieser Gegenspieler: das schlechte Gewissen. Schliesslich schickt es sich nicht, nichts zu tun!

 

An seiner Austreibung lässt sich gut Geld verdienen

 

In einer Gesellschaft, in der die permanente Selbstmotivierung zum Leitmotiv geworden ist, werden jene zu Ausssenseitern, die ihren inneren Schweinehunden viel Auslauf lassen. Und da sich der innere „Schweini“ in vielen Lebensbereichen offenbart, betrachten ihn fast alle zu ihrem Feind.  Äusserst praktisch, denn so lässt sich mit seiner Austreibung auch entsprechend gut Geld verdienen.

 

Aber hat der innere Schweinehund seinen miesen Ruf wirklich verdient? Finde ich nicht. Obschon er dem Zeitgeist nicht entsprechen mag, weist er nämlich auch positive Züge auf. Oder verweigert er sich nicht der zwanghaften Herrschaft über uns selbst?  

Mein „Schweini“ Egon und mein Gewissen verfolgen – für mich als Gesamtsystem - positive Absichten und wenn ich aufhöre, eine der beiden Seiten für die gute und richtige zu halten und die andere abzuwerten, kann ich mit weniger innerem Kampf mehr Verständnis und Gespür für meine Bedürfnisse erlangen.

 

Egon, meinen inneren Schweinehund zu schätzen, heisst für mich, seine Einwände zu würdigen. Seine Forderung nach unschicklichem Müssiggang enthält für mich häufig auch wertvolle Informationen.

 

Danke, lieber Egon, für die faulen Stunden voll sinnvollem Nichtstun! Du lädst mich zur Entschleunigung ein und bewegst mich dazu, gängige Denkweisen zu hinterfragen. Dadurch mag ich zwar unperfekt erscheinen, aber vielleicht auch menschlicher.

 

Bild: Pixabay Französische Bulldogge

Quelle: "Pflegt den inneren Schweinehund" (eine Spurensuche v. Christian Brüngger; 21.5.2015)

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