Wir sind so, wie wir sind!

 

 

«Scham ist, wenn man seine unvollkommenen Reize verbirgt » Alexander Engel

 

 

 

Das Schamgefühl kann als zwischenmenschliche Emotionen bezeichnet werden, denn es signalisiert, dass etwas zwischen uns und dem Rest der Welt nicht in Ordnung ist. Es fordert uns dazu auf, uns selbst genau zu betrachten und unser Leben zu verändern. In gemässigter Form zwar wertvoll, kann ein Zuviel an Scham jedoch schädliche Auswirkungen haben.

 

«Manu hat sich verliebt! Hahaha …!» Das war einer der Überraschungseffekte, mit denen Manus Mutter ihre Kolleginnen gerne unterhielt. Für die dreizehnjährige Manu war das allerdings eine Katastrophe.

 

Behalte intime Dinge lieber für dich

 

In ihrer Kindheit war Beschämung ein gängiger Erziehungsstil und sie erinnert sich auch heute, als erwachsene Frau, noch an unzählige Bemerkungen, mit denen ihre Mutter sie beschämte. Doch Manu hatte etwas aus dem Schmerz gelernt: Behalte intime Dinge lieber für dich.

 

Das deutsche Wort Scham leitet sich von Scama – Althochdeutsch für Schande ab. Im Moment der Scham gerät der Körper in Aufruhr. Die Blutgefässe im Gesicht weiten sich. Schamröte schiesst auf, der Blick wird gesenkt und der Körper sackt zusammen. Man weiss auch, dass dabei die Entzündungsparameter im Blut steigen. Wer sich schämt, spürt eindringlich, dass etwas nicht stimmt. Dass es so nicht geht, so nicht sein soll, weil es gegen Spielregeln verstösst.

 

Wenn die Starken die Schwachen kränken

 

Ohne solche Hemmschwellen würde unsere Gesellschaft nicht funktionieren. Der dänische Erziehungswissenschaftler Jesper Juul warnt heutige Eltern dennoch davor, ihre Kinder zu beschämen: Wenn die Starken die Schwachen kränken, müsse später ein hoher Preis gezahlt werden. «Die Kinder kämpfen oft ihr Leben lang gegen Schuld und Scham und ihr geringes Selbstwertgefühl.»

 

Der Schriftsteller Salman Rushdie vergleicht die Scham mit einer Flüssigkeit, die in einen Becher gefüllt wird. Wenn zu viel Scham da ist, fliesst der Becher

über und die gesunde Scham verwandelt sich in pathologische Scham. Und diese sei die wahre Ursache für Krankheiten wie Depression, Magersucht, Alkoholismus, meint der amerikanische Psychologe Michael Lewis.

 

Als der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry auf seiner Reise auch zum Trinker kommt, fragt er: diesen: «Warum trinkst du? » Der Trinker antwortet: «Weil ich mich schäme. » «Und warum schämst du dich? », will der klein Prinz wissen. Antwort: «Weil ich trinke. » Ein Teufelskreis ohne Entrinnen.

 

Früher schämte man sich der Nacktheit, heute für einen scheinbar unperfekten Körper

  

Die Heilung von Scham ist schwierig. Geht es dabei doch um die eigene Persönlichkeit und die Heilung kann nur über die Korrektur des Selbstbildes erfolgen. Schamgeplagte müssen daher neue Selbstachtung und neuen Stolz gewinnen. Das ist ein langsamer und schmerzlicher Prozess, denn zum Heilungsprozess gehört auch eine Überprüfung weltanschaulicher Grundannahmen.

 

Schamgrenzen und Schamgründe sind so veränderlich wie der Zeitgeist – das peinigende Gefühl selbst jedoch nicht. Früher schämte man sich der Nacktheit, heute für einen scheinbar unperfekten Körper.  Wenn alles gut läuft, machen wir uns von dieser Anpassungsscham irgendwann frei. Dann ziehen wir eigene Schamgrenzen, geben Fehler zu, halten Makel aus und kehren der Perfektion den Rücken, weil das Fundament im Prinzip ja steht. Das bestätigen zumindest Forscher. Die Heidelberger Psychologin Annette Kämmerer hat beispielsweise in einer umfangreichen Studie herausgefunden, dass ältere Menschen sich seltener und weniger intensiv schämen.

 

Wie immer es auch sein mag: Vielleicht ist wachsende Gelassenheit ja auch ein Schutzschild gegen übertriebene Scham? Denn: Jobverlust, Geldmangel, Scheidung, Krankheit, Falten, Dellen an den Beinen, Vergesslichkeit – irgendetwas davon kennt wohl jeder.

 

Das Leben selbst mit seinem Auf und Ab sollte daher keinen Anlass geben, sich zu schämen. Wir sind so, wie wir sind. Und das ist gut so!

 

Bild: Pixabay 

Quellen: Div. Studien zum Thema "Scham";  Psychologie:  "Kein Grund rot zu werden" v. Vera Sandberg u. Elke Ehninger

 

Kommentare: 0 (Diskussion geschlossen)
    Es sind noch keine Einträge vorhanden.