«Schrift ist nicht nur Ausdruck des Gedachten»

 

 «Wenn ich etwas sage, verliert es sofort und endgültig die Wichtigkeit; wenn ich es aufschreibe, verliert es sie auch immer, gewinnt aber manchmal eine neue»

Franz Kafka

 

   

«Beim Lesen lässt sich vortrefflich denken», soll Leo Tolstoi gesagt haben. Dem stimme ich zu. Schreiben regt das Denken jedoch ebenfalls an. Und ausserdem ist es eine bewährte Methode gegen Stress.

 

 

Ich habe bereits als Kind sehr viel gelesen und mir zu Weihnachten oder zum Geburtstag immer nur Bücher gewünscht. Die Fortsetzung von Emmy von Rhodens «Trotzkopf» etwa. Oder eine weitere Ausgabe der «Hanni und Nanni» Bücherreihe.

 

Später machte ich mich dann an die Klassiker, die ich bei meinen Eltern fand. So unter anderem an Emile Zolas Natur- und Sozialgeschichte «Der Totschläger» L'Assommoir 1877), die auch unter dem Titel «Die Schnapsbude» erschienen ist.

  

Ich will herausfinden, wie die Geschichte entstand

 

Schliesslich folgte eine Zeit, in der ich nur wenig las. Weil ich einfach zu wenig Zeit hatte – Beruf und Haushalt eben.

 

In den letzten Jahren entdeckte ich jedoch das Lesen wieder neu. Dicke Bücher, dünne Bücher, querbeet, am liebsten schöne, gebundene – ich muss sie einfach in der Hand halten können. So habe ich jetzt auch immer eines dabei. Ohne Buch gehe ich nämlich nur noch ganz selten aus dem Haus. Zum Einkaufen beispielsweise. Vermutlich hat das etwas mit dem Alter zu tun. Bücher sind für mich zu einer Art Trostpflaster geworden.

 

Ja, zu lesen ist für mich inzwischen beinahe genauso wichtig wie zu atmen, zu schlafen und zu essen. Manchmal werden Bücher für mich heute sogar zu einem Studienobjekt. In diesem Fall lese ich die Bücher mehrmals, da mich ihre Handlung und Spannung beim ersten Mal derart absorbierte, dass ich nicht richtig auf die handwerklichen Dinge achtete. Aber es ist nicht so, dass ich dann eine Rezension des Buches erstelle. Ich will einfach herausfinden, wie die Geschichte aufgebaut ist. Das finde ich spannend.

 

Beim Schreiben denke ich jeweils parallel voraus

 

Wenn Buchstaben zu Wörtern werden, tritt der Autor nämlich in einen besonderen, vor allem sich selbst prägenden Kontakt mit der Welt. Der Philosoph Jacques Derrida formulierte Ende der sechziger Jahre die These, dass es ohne das Schreiben gar kein Denken gäbe. Schrift sei nicht nur Ausdruck des Gedachten, sondern gehe ihm voraus: Allein die Möglichkeit, das Denken ausserhalb des Körpers festzuhalten, verändere es.

 

Und je länger ich als Autorin tätig bin, desto überzeugter bin ich von Derridas These. Denn auch während ich bei den Texten für meinen Arbeitgeber Wörter

zu Sätzen formuliere, denke ich jeweils parallel immer voraus. Das Schreiben

regt das Denken also wirklich an. Und es öffnet ausserdem den Geist und die

Sinne für Assoziationen. Oder werden wir dabei nicht oft zu Einsichten geführt,

die uns vorher nicht vor Augen standen?

 

Doch das Schreiben ist ebenfalls eine bewährte Methode gegen Stress, Konzentrationsmangel und gegen das Grübeln. In diesem Fall empfiehlt es

sich, alle Gedanken so lange unstrukturiert niederzuschreiben, bis einem nichts

mehr in den Kopf kommt.

 

Schreiben soll mal etwas Spirituelles gewesen sein

 

Ewa Dutkiewicz, Archäologin an der Universität Tübingen, erforschte auf einer Aue nahe der Gemeinde Bilzingsleben in Thüringen ausgegrabenen Funde. 370 000 Jahre alte Stücke, auf denen Menschen ihre Gedanken festgehalten hatten. Ganz am Anfang, so sagte Dutkiewicz, sei das Schreiben wahrscheinlich etwas sehr Spirituelles gewesen. Von Schamanen, Heilern, Anführerinnen.

 

Man stelle sich das vor: Da sitzt der Einzelne und schnitzt, ist im Dialog mit sich, vielleicht mit den Ahnen. « Die ersten Symbole des Menschen hatten immer auch etwas Mystisches und Magisches»,erklärte die Archäologin der Autorin Karin Zeug von  «ZEIT Wissen» (Nr. 6/2017, 17. Oktober 2017). Ist das nicht spannend? 

Bild: Pixabay 

 

Kommentare: 0 (Diskussion geschlossen)
    Es sind noch keine Einträge vorhanden.