Im Kopf des Monsters mitreiten

 

 

 

 

«Haltet die Bösen

immer voneinander getrennt.

Die Sicherheit der Welt

hängt davon ab.»

 

Theodor Fontane

 

 

Charles Lewinsky zählt zu den innovativsten und fantasievollsten Autoren der heutigen Schweizer Literatur. Dies beweist er unter anderem auch mit seinem Roman «Andersen», der sich wie eine Abhandlung über die menschliche Niedertracht liest. Eine äusserst raffiniert vorangetriebene Story. Abgründig und erschreckend. Sprachlich dicht und unheimlich. Ein Leseerlebnis, das mich kalt erwischte, verblüffte, irritierte, aber auch amüsierte.

 

In Charles Lewinskys Roman «Andersen» tritt man ein wie in eine Höhle. Vorsichtig, etwas geduckt. Eine Weile kann man nämlich nichts erkennen. Ein «Ich», noch ohne Konturen, erzählt aus diesem Finstern. Etwas später erkennt man jedoch, dass hier ein Wesen spricht, das tatsächlich im Dunkeln verharrt: Ein erwachsener Mensch, der seine Wiedergeburt erlebt.

 

Bereits 1898 ein erstes Mal zur Welt gebracht

 

«Ich bin Andersen», erfährt der Leser, vom Ich-Erzähler im ersten Teil des Buches immer wieder. «Ich bin Andersen». Aber wenn jemand das so betont, ist ja meist das Gegenteil der Fall. So ist es natürlich auch hier. Dieser Mensch, der im 21. Jahrhundert wiedergeboren wird, wurde nämlich bereits 1898 ein erstes Mal zur Welt gebracht.

 

Er hat am Ersten Weltkrieg teilgenommen und später Menschen gequält und gefoltert. Er hat funktioniert und andere mit Gewalt gezwungen zu funktionieren. Dies zumindest deutet der Protagonist an. «Ich bin Andersen», das hat er sich eingeprägt, um den Verhören der Sieger standhalten zu können.

 

Jonas ist ein seltsames Kind

 

Aber als der Hauptdarsteller des Romans am 16. Juli 2003 als Kind von Helene und Arno auf die Welt kommt, wird er  Jonas genannt. «Drei Tage im Bauch eines Wals. Drei Tage Dunkelhaft. Ein Klacks. Ich habe bald neun Monate hinter mir. [ …] Der Name gefällt mir nicht, aber ich werde mich daran zu gewöhnen haben.»

 

Jonas ist ein seltsames Kind. Das erfährt der Leser von ihm und in anderer Beleuchtung aus den Tagebucheinträgen seines Vaters. Jonas denkt wie

ein Erwachsener, ist aber im Körper eines Kindes gefangen. Und diesen möchte er so schnell wie möglich verlassen. Seine Umwelt würde ihn zwar gerne als niedliches Kind sehen, doch unter seiner Schädeldecke brodelt es schon längst. Er erträgt es nicht, in diesem Körper eingesperrt zu sein.

 

Hier wächst ein zynischer Mensch heran

 

Andersen alias Jonas beherrscht seine Mutter und seinen Vater von Anfang an und es ist beängstigend und komisch zugleich, wie die Eltern wieder und wieder auf die Strategien ihres kleinen unschuldigen Kindchens hereinfallen.

 

Hier wächst ein zynischer Mensch heran. Innerlich hat Jonas die Folterkeller nie verlassen und seine Assoziationen führen ihn immer wieder zu diesen zurück. «Einer Vernehmung würde sie nie standhalten», sagt er über seine Mutter. Und als er zufällig eine Fernseh-Dokumentation über Abu Ghraib zu sehen bekommt, meint er, dass er das besser hingekriegt hätte. «Viel Einfallsreichtum. Wenig Effizienz.»

 

Hochbegabt und sehr musikalisch

 

Doch Jonas, dem der Leser über beinahe vierhundert Seiten folgen kann, ist nicht nur böse und kalt. Er ist auch musikalisch. Am liebsten hört er Mozart. Die Jahre verstreichen und nach einem dummen Zwischenfall in der Kita - er glaubte, ihm sei Unrecht widerfahren und ging mit dem Messer auf ein anderes Kind los - wird bei ihm eine Hochbegabung festgestellt. So  hat er dann auch ein wichtiges Ziel erreicht: Er darf Geige spielen. Und natürlich spielt er diese grandios.

 

Jonas, der nicht nur keine Skrupel kennt, kann auch messerscharf denken: «Mein Verstand hat immer funktioniert. Das ist auch eine Frage des Charakters. Man muss im Denken Ordnung halten. Die Schubladen nicht durcheinander bringen.»

 

Er wäre gerne «Andersen». Aber es gelingt ihm nie. So bringt er seine Kindheit und seine frühen Jugendjahre widerwillig und mit rücksichtsloser Berechnung hinter sich. Als «Musterhäftling Jonas»  bezeichnet er sich einmal selbst. 

 

Ins Herz schliessen konnte ich ihn nicht

 

Mir ist es zwar nicht gelungen, den Protagonisten ins Herz zu schliessen, aber ich empfand für ihn jene Sympathie, die raffinierte Verbrecher bei gesetzestreuen Lesern immer wieder geniessen. Daher war es für mich auch äusserst faszinierend, mit Jonas im Dunkeln zu tappen, und ich habe mich über die Beobachtungen, die er beispielsweise zum «Fliegendreck» Mensch sowie zu den Themen «Elternschaft» oder «Mann und Frau» anstellte, sehr amüsiert.

 

Grauen nicht in Thesen und Moral aufgelöst

 

Meiner Meinung nach hat Charles Lewinsky in diesem Roman meisterlich von der Macht des Bösen erzählt. Und ich denke, gerade weil er das Grauen nicht in Thesen und Moral auflöste, wurde «Andersen» für mich zu einem besonderen Lesegenuss.

 

«Mir war sofort klar, dass dies der Charakter ist, über den ich mehr erzählen muss», erklärte Charles Lewinsky anlässlich der Buchpräsentation seines Werkes «Andersen» im April vor rund zwei Jahren in der «Rathus-Schüür» in Baar.

 

«Nicht als Jude von Beruf».

 

Der am 14. April 1946 in Zürich geborene Schweizer Drehbuchautor und Schriftsteller Charles Lewinsky ist jüdischer Herkunft.

 

Lewinsky, der sich «nicht als Jude von Beruf» bezeichnet, arbeitete bei Fritz Kortner als Regieassistent, an verschiedenen Bühnen als Dramaturg und Regisseur sowie als Redakteur und Leiter des Ressorts Wort-Unterhaltung des Schweizer Fernsehens

 

 1984 veröffentlichte er zusammen mit Doris Morf sein erstes Buch, die Polit-Fiktion «Hitler auf dem Rütli». Es folgten weitere Bücher und Produktionen beim Schweizer Fernsehen, ARD und ZDF.

 

In der Schweizer Öffentlichkeit wurde Lewinsky Mitte der 1990er Jahre als Autor der Sitcom «Fascht e Familie» bekannt; später folgten «Fertig Lustig» und «Bürgerbüro». Daneben schrieb er auch mehrere Hörspiele für das Schweizer Radio.

 

2001 erhielt er den Schillerpreis der Zürcher Kantonalbank für seinen Roman

«Johannistag». Weitere Anerkennung als Schriftsteller erwarb er sich 2006 mit der Familiensaga « Melnitz», mit der Geschichte der Juden in der Schweiz zwischen 1871 und 1945 als Thema.

 

Lewinsky hat zudem über 700 Texte für verschiedene Komponisten geschrieben. So auch für Maja Brunner, die mit dem Lied «Das chunnt eus spanisch vor» 1987 den Grand Prix der Volksmusik gewinnen konnte.

 

2011 wurde er mit seinem Roman « Gerron» (über Kurt Gerron) für den Schweizer Buchpreis nominiert, 2014 erfolgte eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis.

 

Mit seinem Roman «Andersen» wurde er 2016 erneut für den Schweizer Buchpreis nominiert. 

 

Faszinierender Trip in die Unterwelt des Bösen

 

Wie sieht das personifizierte Böse aus? Mit seinem Roman «Andersen» bot mir Charles Lewinsky einen faszinierenden Trip in die Unterwelt des Bösen. Und er bestätigte mir, dass es immer wieder Menschen gibt, die stolz darauf sind, andere zu quälen.

 

Die Weltgeschichte hat ja schliesslich immer wieder solche Leute  hervorgebracht - und bringt sie auch immer wieder hervor.

 

 

Quellen: "Ein Mann weiss nicht, wo er ist" v. Daniela Sattler im Zugerbieter v. 27.4.2016 

                  Wikipedia

 

 

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