Gefühle dem Schein des Anstandes opfern

 

 

«Man kann sein Vaterland nicht mit einer Binde um die Augen lieben.»

Federico García Lorca 

spanischer Schriftsteller und Dichter

1898-1936

 

 

 

 

Das Stück «Bernarda Albas Haus» entstand vor mehr als 80 Jahren. Aber ist Ähnliches nicht auch heute noch zu erleben? Überall da, wo eine scheinbar übergeordnete Macht die Fäden in der Hand hält und dafür sorgt, dass niemand aus der Reihe tanzt, sondern möglichst alle unter Einhaltung aller gesellschaftlichen Normen ohne Widerworte auf den vorbezeichneten Bahnen dem Abgrund entgegenrasen?

 

Federico García Lorca wollte sein 1936 vollendetes Drama über die Frau

im ländlichen Spanien als fotografisch genaue Dokumentation verstanden wissen. Ohne Scheu vor Tabus legt er die autoritären, durch die Macht der katholischen Kirche gefestigten, verkrusteten Gesellschafts- und Familienstrukturen seiner Zeit offen. Die Grundstimmung seines Dreiakters «Bernarda Albas Haus» ist tiefschwarz und böse.

 

Sie verpflichtet Töchter zu achten Jahren Trauer

 

Witwe Bernarda Alba ist stets um den guten Ruf ihres Hauses besorgt und herrscht mit diktatorischer Strenge über das Leben ihrer fünf heiratsfähigen Töchter. Sie ist der Ansicht, dass Frauen sich erst ihrer Familie und später ihren Ehemännern unterordnen sollen. Die Sexualität betrachtet Bernarda als eine reine Männersache. Frauen müssen diese über sich ergehen lassen. Das ohnehin schon labile Familiengefüge bricht schliesslich auseinander, als die jüngste Tochter sich dem Regiment der Mutter widersetzt und eigene Sehnsüchte äussert.

 

Die Familientradition verlangt dies

  

Die Handlung beginnt mit dem Tod des zweiten Ehemannes von Bernarda, Antonio María Benavides. Nach der Totenmesse verpflichtet die Witwe ihre fünf Töchter zu acht Jahren Trauer. So verlangt es die Familientradition. Für Angustias (39 Jahre), Magdalena(30 Jahre), Amelia (27 Jahre) sowie Martirio (24 Jahre) und Adela (20 Jahre) bedeutet das die komplette Isolation von ihrer Aussenwelt. Damit beginnt der zentrale Konflikt des Dramas.

 

Sie hat Geld geerbt und darf sich verloben

 

Angustias ist die einzige Tochter aus erster Ehe und erbte von ihrem Vater ein Vermögen. Aufgrund dessen und weil sie die älteste der Töchter ist, hat sie die Erlaubnis, sich mit Pepe el Romano zu verloben. Adela, die gegen die strenge Ordnung ihrer Mutter rebelliert, verliebt sich ebenfalls in Pepe el Romano. Dieser erwidert ihre Liebe zwar, entscheidet sich jedoch aus finanziellen Gründen für die Heirat mit Angustias.

 

Bernarda sorgt für Ordnung im Haus

 

Während der Trauerzeit trifft sich Pepe el Romano nachts nicht nur mit seiner zukünftigen Ehefrau Angustias, sondern auch mit Adela. Martirio, ihre eifersüchtige Schwester, denunziert Adela daher vor ihrer Mutter. Und diese schiesst im Hof mit einem Gewehr auf Pepe el Romano, um die Ordnung des Hauses wiederherzustellen.

 

Adela, die den Schuss hört, glaubt fälschlicherweise, dass ihr Geliebter tot sei. Daraufhin nimmt sie sich das Leben.

 

Übersetzungsrechte lagen lange Zeit nur bei Beck

 

Federico García Lorca ist zweifellos der berühmteste andalusische Dichter. Viele haben vielleicht seinen Namen schon gehört, aber noch nie etwas von ihm gelesen oder im Theater gesehen.

 

Grund dafür könnten unter anderem die Übersetzungen seiner Texte ins Deutsch sein, deren Exklusivrechte lange bei Enrique Beck lagen. Als der jüdische Werbefachmann nämlich 1934 vor den Nazis nach Spanien floh, lernte er dort Lorca kennen. Durch die Unterstützung eines Schweizer Rechtsanwalts gelang es ihm damals die deutschen Übersetzungsrechte für Lorcas Gesamtwerk zu erwerben.

 

Beck war kein begnadeter Übersetzer. Trotzdem forderten seine Erben in Deutschland, dass nur seine Übersetzungen erscheinen durften. Der Suhrkamp Verlag setzte dem durch Gerichtsurteil ein Ende. Daher erscheinen seit etwa 1996 auch professionellere Übersetzungen.

 

Lorca zeichnet Frauen mit viel Einfühlungskraft

 

In Lorcas Theaterstücken geht es meist darum, wie der Freiheitswille und die Sehnsucht nach der Moderne von den starren spanischen Traditionen behindert werden.

 

Diese Thematik hat er in der Trilogie «Trilogía de tragedias rurales» verarbeitet, welche aus den Theaterstücken «Bodas de Sangre», «Yerma» sowie «La Casa de Bernarda Alba» besteht. Es geht dabei immer um eine Frau, welche den Mann heiratet oder heiraten soll, den ihre Eltern für sie ausgesucht haben, und um eine aussereheliche Beziehung zu einem Mann, den die Frau wirklich liebt. Am Ende steht dann meist der Tod der Frau oder des Rivalen.

 

Mir gefällt ganz besonders, mit welcher Einfühlungskraft Lorca das Bild von jenen Frauen zeichnet, die zwar unter der rigiden Sexualmoral leiden, oftmals aber deren schärfsten Hüterinnen sind. 

 

Das Stück «Bernarda Albas Haus» entstand im Schatten des aufkeimenden Spanischen Bürgerkrieges. Vor mehr als 80 Jahren also. Aber ist Ähnliches nicht auch heute noch zu erleben? Wenn Traditionen beispielsweise blind übernommen werden? Und überall da, wo eine scheinbar übergeordnete Macht die Fäden in der Hand hält und dafür sorgt, dass niemand aus der Reihe tanzt? Opfern wir heute nicht auch zu häufig innere Gefühle dem äusseren Schein des Anstandes?

 

In seinen letzten Jahren arbeitete Lorca an dem Gedichtband «Diván del Tamarit». Liebe und Tod sind darin die prägenden Themen. Das Werk war gedacht als Hommage an die arabischen Traditionen Andalusiens. Doch wegen des Spanischen Bürgerkriegs kam es nicht mehr zur Veröffentlichung. Lorcas Schwester Concha rettete das Manuskript. Sein ins Exil gegangener Bruder Francisco García Lorca veröffentlichte das Werk schliesslich 1940 in New York.

 

Lorca war zu Beginn des spanischen Bürgerkrieges 1936 von Handlangern des späteren Diktators Francisco Franco festgenommen und mit drei anderen Gefangenen nahe Granada erschossen worden. Als Linker und Homosexueller war er den Franco-Anhängern besonders verhasst gewesen.

 

Quellen: Aus Recherchen zu  "Ein Blick hinter die Fassade " v. Daniela Sattler Zuger Zeitung  vom 6.3..2018

                  Diverse Pressemitteilungen v. Schauspielhäusern zu Theateraufführungen v. "Bernarda Albas Haus"

                  ("Kleine Zeitung";  "APA"; "Kronenzeitung";  "Die Presse" etc.) 

                  Wikipedia 

 Foto: Pixabay

                  

 

 

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