Schreibend zur Ruhe kommen

 

 

«Nichts gleicht der Freiheit einer weißen Seite.»

Nicole Krauss

 Romanautorin

 

 

 

Das Ziel von Meditationen ist immer das gleiche: die Beruhigung der Gedanken, die geistige Sammlung. Wer regelmässig meditiert, weiss, wie  positiv sich dies auf den Alltag auswirkt: Man kann sich beispielsweise besser auf seine Ziele fokussieren, seinen Tag produktiver gestalten sowie achtsamer mit seinen eigenen Bedürfnissen und mit anderen Menschen umgehen. Wie man diese innere Ruhe der Meditation erreicht, ob über das Sitzen in der Stille, das Gehen, den Sport oder über das  Schreiben, spielt keine Rolle. Jeder kann den für sich stimmigsten Weg finden. Die Schreibmeditation kann einer davon sein.

 

Die Schreibmeditation ist eine Form der philosophischen Meditation, die von René Descartes (1596 – 1650) überliefert ist. In seinem Hauptwerk «Meditationen» beschreibt der französische Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler das schreibende Meditieren so: «Ich will jetzt meine

Augen schließen, meine Ohren verstopfen und alle meine Sinne ablenken, auch die Bilder der körperlichen Dinge sämtlich aus meinem Bewusstsein tilgen oder doch, da sich dies kaum tun lässt, sie als eitel und falsch gleich nichts erachten. Ich will mich nur mit mir selber unterreden, tiefer in mich hineinblicken, versuchen, mir mich selbst nach und nach bekannter und vertrauter zu machen.» (René Descartes: Meditationen 1965, S. 27)

 

Nicht nur für Anfänger eine Alternative

 

Schreibmeditationen bieten nicht nur Meditationsanfängern, die sich mit dem Sitzen in der Stille (noch) nicht richtig anfreunden können, eine andere Möglichkeit zur Entspannung. Auch für bereits Erfahrene, die gerne mal etwas Neues ausprobieren möchten, können Schreibmeditationen eine echte

Alternative sein.

 

Ich bin schreibsüchtig. Für mich hängen schreiben und denken aber eng zusammen.  So war ich dann doch ziemlich überrascht, als ich merkte, wie erfolgreich ich das leidige Gedankenkarussell auch schreibend zum Schweigen bringen konnte. 

 

Diese Form des Meditierens ist für mich inzwischen zu einem wertvollen,

wohltuenden und entspannenden Ritual geworden, das ich gerne als Ergänzung zur traditionellen Sitzmeditation nutze.

 

Vorbereitungen für Schreibmeditation

 

Und so bereite ich mich jeweils auf mein Schreibritual vor:

  • Ich suche mir einen ruhigen Ort und stimme mich auf die bevorstehende Auszeit vom Alltag ein,
  • lege Papier und Stift bereit,
  • stelle den Timer auf 10 bis 15 Minuten,
  • schliesse die Augen und nehme einige tiefe Atemzüge.
  • Dann greife ich zum Stift und beginne mit der Schreibmeditation …

Formen der Schreibmeditation

 

Inzwischen kenne ich folgende Formen der Schreibmeditation:

 

Abschreiben

Bei dieser traditionellen Form der Schreibmeditation werden aus spirituellen oder religiösen Texten einzelne Abschnitte langsam von Hand abgeschrieben. Es können auch Gedichte oder Passagen aus Büchern abgeschrieben werden, die für den «Meditierenden» eine besondere Bedeutung haben.

 

Ob aus der Bibel, dem Yoga Sutra, Werken von Rilke oder Passagen aus dem Roman «Der Alchimist» von Paulo Coelho oder aus Ruediger Schaches  Geschichte «Der Weg des sanften Löwen» , spielt keine Rolle. Gut zum Abschreiben eignen sich auch Vorlagen aus der «Positiven Psychologie» . Die Texte sollten einfach eine gewisse geistige Tiefe haben.

 

Ob man die Bücher wechselt oder immer dasselbe nimmt und nur die Passagen wählt, die für diesen Tag besonders geeignet erscheinen, spielt

ebenfalls keine Rolle. Wichtig ist jedoch: Man sollte versuchen, sich ganz auf die Worte zu konzentrieren, die man schreibt. Man sollte diese Worte wirken lassen und sich durch den Inhalt der Texte nicht in Tagträumen verlieren.

 

Schönschreiben

 

Die kalligraphische Meditation ist ähnlich der ersten Variante. Sie stammt aus Asien und wird zum Beispiel im Zen Buddhismus praktiziert.

 

Hierbei steht weniger der Inhalt des Geschriebenen als der Akt des

Schreibens im Vordergrund. Denn da hilft die Bewegung des Schreibens, dem Geist zur Ruhe zu kommen.

 

Gut eignen sich Zitate oder Aphorismen, die mit Tusche und Pinsel in bunten Farben langsam auf ein Papier gezeichnet werden. Wie die Schrift entsteht und welche Worte gezeichnet werden, lässt man auch dabei intuitiv entstehen. Wichtiger als die Worte ist die Schreibbewegung. Aufkommende Gedanken lässt man dabei vorbeiziehen und man bleibt ganz im Moment.

 

Tipp: Pinsel beobachten und feine Linien betrachten. Lasst die Gedanken zur Ruhe kommen. Und wenn sie euch doch wegtragen, kehrt immer wieder in die Stille zurück.

 

Bei dieser Meditation können wunderschöne Kunstwerke entstehen und liegen diese nicht gerade ziemlich im Trend?

 

Intuitionsschreiben

 

Die Methode ist angelehnt an die «Morning Pages» von Julia Cameron, eine bei Autoren und kreativ Schreibenden sehr beliebte Schreibgewohnheit.

 

Hier schreibt man „Jetzt gerade…” auf eine leere Seite und lässt die Gedanken und Gefühle kommen. Man schreibt ungefiltert und ohne grosse Unterbrechung. So wird beim Schreiben auch nicht reflektiert, warum einem gerade dieser oder jener Gedanke kommt.

 

Hier sollten auch Tagträume nicht vermieden werden. Nein, hier ist das Ziel, diese unwillkürlichen Gedanken auf Papier zu bringen und den Geist so zu leeren.

 

Eine Schreibmeditation die ich für entspannte Wochenenden empfehlen kann. Dann, wenn man dringend auftanken muss. Perfekt also,  um nach stressigen Wochen voller Reizüberflutung wieder bei sich anzukommen.

 

Introspektionsschreiben

 

Das beobachtende Schreiben hilft allen, die sich beim kalligraphischen Schreiben oder anderen meditativen Handlungen ( wie beispielsweise Teezeremonien) in Tagträumen verlieren, aber ihren Geist zentrieren möchten.

 

Dazu sucht man sich einen öffentlichen Ort, an dem man gut sitzen kann und beobachtet die Umgebung. Gut eignet sich auch eine Bus- oder Zugfahrt, oder der Aufenthalt auf einer Bank in einem Park oder in einem  Café.

 

Dort schreibt man dann, was man sieht. Wichtig: Man versucht dabei, mit den Geschehnissen Schritt zu halten. Also man sollte sich nicht in einer Geschichte verlieren,  unbedingt beim schreibenden Beobachten bleiben.

 

Wenn man bei dieser Meditation an einem belebten Ort ist, kann man natürlich nicht alles erfassen. Das ist aber in Ordnung. Einfach immer mit der Beobachtung gehen! Nicht Vollständigkeit ist das Ziel,  sondern ganz im Moment präsent zu sein!

 

Natürlich kann diese Übung auch zu Hause durchgeführt werden, indem man sich beispielsweise an eine Szene erinnert und die Details aufschreibt, die einem noch präsent sind.

 

Das Beobachten tatsächlicher Geschehnisse ist meiner Meinung nach jedoch besser. Wenn ich die Übung nämlich zu Hause durchgeführt habe,  ist mir häufig passiert, dass ich plötzlich von der «inneren Gedankenwelt» aus der Beobachtung gezogen wurde.

 

 

Um die Wirkungen von Meditationen, egal welcher Form, auch spüren zu können, solltest man sich Zeit geben. Und zwar mehr als eine Woche, eher einen Monat! 

 

Bild: Pixabay

Quellen:   u.a. «schreiben wirkt» (Mentale Krisen & Gesundheit, Spiritualität & Selbsterkenntnis):

«Tintenentspannung» Novum Verlag

 

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