Achtsamkeit ist mehr als Mittel zum Zweck

 

«Achtsamkeit ist ein aufmerksames Beobachten, ein Gewahrsein, das völlig frei von Motiven oder Wünschen ist, ein Beobachten ohne jegliche Interpretation oder Verzerrung.»

 

Jiddu Krishnamurti

 

 

 «Achtsamkeit» heisst das Zauberwort, das uns gelassen und entschleunigt durch den Alltag bringen soll und uns Glück in allen Lebenslagen verspricht. Die Achtsamkeitstrainings, die inzwischen angeboten werden, sind breit gefächert. Die sogenannte Achtsamkeitsrevolution bereitet allerdings nicht nur Buddhisten und jenen, die sich der traditionellen Lehre der Achtsamkeit verbunden fühlen, zunehmend Sorgen. 

 

Jon Kabat-Zinn ist der Superstar der Achtsamkeitsbewegung. Der Molekularbiologe hat die Achtsamkeit in den siebziger Jahren von ihrem

spirituellen Mantel entkleidet. Er formte aus buddhistischer Meditation

(Vipassana), Yoga und Zen das Programm «Stressbewältigung durch Achtsamkeit» (engl. MBSR), das heute unabhängig von Religion allen Menschen zugutekommt.

 

Erfolgreicher, schneller, fitter und innovativer

 

Coachs, die meist selbst nur in Schnellkursen ausgebildet wurden und über keine eigene tiefe Praxis verfügen, leiten Tageseminare zur Selbstoptimierung und Effizienzsteigerung. Und diese werden von Leuten besucht, deren Leben eingepfercht ist zwischen einem Arbeitgeber, der keine Freizeit kennt, ihrem Smartphone und den zehn Minuten, die sie am Tag für ihr Kind erübrigen können. Sie üben sich in Achtsamkeit, damit sie danach erfolgreicher, schneller, fitter und innovativer sind. 

 

Führungskräfte aus aller Welt treffen auf «Mindful Leadership Konferenzen» wie «Wisdom 2.0» oder der «Mindful Business Conference» zusammen, denn immer mehr Studien  scheinen die positive Auswirkung von achtsamkeitsbasierten Interventionen zu belegen. 

 

Belastungsursachen werden ausgeklammert

 

Dies hat eine sogenannte «Achtsamkeitsrevolution» losgetreten, welche die Frage nach dem Warum allerdings vergessen lässt. Niemand scheint sich ernsthaft dafür zu interessieren, warum die Menschen heute in Unternehmen so stark belastet und beansprucht sind. Nun, das zeitgenössische Ethos sagt uns ja schliesslich auch, dass wir unseres eigenen Glückes Schmiede seien,

und dass uns unsere Leiderfahrungen nicht auferlegt wurden, sondern dass wir uns selbst massgeblich an den Ursachen unseres Unglücks beteiligen: durch mangelnde emotionale Selbstregulierung, gewohnheitsmässige Gedankenmuster – durch unsere Achtlosigkeit.

 

Arbeitnehmerstress entsteht jedoch häufig weder selbst verschuldet noch aufgrund von mangelnder Achtsamkeit. Tatsächlich sind laut einer Stanford-Harvard-Studie die häufigsten Stressfaktoren am Arbeitsplatz mangelnde Krankenversicherung, erhöhte Arbeitsplatzunsicherheit, lange Arbeitszeiten, unternehmerische Ungerechtigkeit und unrealistische berufliche Anforderungen.

 

Achtsamkeitsprogramme wie «Mindfulness-Based Stress Reduction» oder «Mindfulness-Based Cognitive Therapy» laden ihre Teilnehmer ein, den körperlichen, geistigen und emotionalen Erfahrungsdimensionen mit den heilsamen Grundhaltungen der Achtsamkeit zu begegnen. Die Belastungsursachen (soziale und globale) werden ausgeklammert.  Statt an den Verhältnissen, die stressten, etwas zu verändern, wird nach der Lösung in sich selbst gesucht. 

 

Einfach entspannen und fatalistisch akzeptieren?

 

Wird die Achtsamkeit so nicht zu einer Art Narkotikum? Wird sie  so nicht missbraucht, um vor belastenden Realitäten zu fliehen und eine kritische Auseinandersetzung zu vermeiden? Steckt hinter der Achtsamkeit wirklich die Idee, –  Hauptsache entspannt –, alles einfach zu akzeptieren? Das kann ich nicht glauben. Wie sollten wir denn, ohne zu urteilen, überhaupt fähig sein zu unterscheiden, welche Situation wir beeinflussen können und welche nicht? Für mich bedeutet «ohne zu urteilen» im Zusammenhang mit der Achtsamkeit eher, das Leben in seiner Tiefe unvoreingenommen wahrzunehmen. Also auch den Schmerz und den Verlust oder andere Formen des Leids. 

 

Achtsamkeit steht in einem ethischen Kontext

 

Zugegeben: Achtsamkeit kann wirksam gegen Stress eingesetzt werden. Leider vergessen wird aber vielfach, dass Achtsamkeit in einem ethischen Kontext steht, denn sie sollte als Gegenmittel zu all jenen «den Geist trübenden Leidenschaften» dienen, die der Buddhismus als Wurzel allen Leids ansieht. So etwa Gier beziehungsweise Begierde, Verblendung oder Widerwillen. Sie setzt  eine Haltung voraus, die von Offenheit, Güte, Grosszügigkeit, Geduld, Bescheidenheit und Mitgefühl geprägt ist. 

 

Man sollte sich hier also durchaus auch mal überlegen, ob die derzeitige «Achtsamkeitspraxis»  nicht einem Missbrauch gleichkommt. Immerhin wird sie in Firmen oder in teuren Coaching Seminaren oft nur zur Leistungssteigerung oder selbstbezogenen Persönlichkeitsoptimierung genutzt. 

 

Zwischen Achtsamkeit und Ethik gibt es aber eine tiefe, innere Beziehung. Es wäre  wichtig, sich dies immer wieder in Erinnerung zu rufen. Und um es auch genauer verstehen zu können, wäre überdies ein kleiner Blick in die buddhistische Philosophie hilfreich.

 

Bild: Pixabay

Quellen: Netzwerk «Ethik heute», «Hör mir auf mit Achtsamkeit» v. Mechthild Klein, «Zeit online» 11.3.18«Geistige Abwesenheit ist die Regel im Arbeitsalltag. Achtsamkeit soll das ändern» v. Anja Jardine Neue Zürcher Zeitung v. 29.7.17

«Würde Achtsamkeit in der Wirtschaft Einzug halten, müssten die Unternehmen ihre Ziele grundsätzlich überarbeiten», Anja Jardine, Neue Zürcher Zeitung v. 30.8.2017

 

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