«Wolken schaufeln» mit Kommissar Adamsberg


«Man glaubt, dass die Mystik ein Geheimnis sei, durch das

wir in eine andere Welt eintreten; sie ist aber nur, oder sogar, das Geheimnis

in unserer Welt anders zu leben.»

Robert Musil

 

 

Adamsberg, Chef der Mordbrigade im 15. Pariser Arrondissement, heisst mit Vornamen Jean-Baptiste und stammt aus einem Dorf in den Pyrenäen. Er geht den grössten Schrecknissen mit Gelassenheit entgegen und macht sich, wenn ihn keine Ahnung bewegt, am liebsten ans «Wolkenschaufeln». Die französische Schriftstellerin Fred Vargas ist schon lange kein Geheimtipp mehr, doch man möchte sie jedes Mal erneut als Entdeckung weiterempfehlen.

 

Eine Legende erzählt, dass es ganz oben im Norden von Island, dort, wo der Polarkreis verläuft und so auffallend viele Menschen hundert Jahre und älter werden, ein ganz besonderes Eiland gäbe, das ebenso gefürchtet wie begehrt sei.

 

Es heisst, dort gäbe es einen immer warmen Stein von der Grösse einer Stele, der von einem Afturganga, einer Art Zombie bewacht werde. Dieser Stein sei mit alten Inschriften bedeckt und wenn man sich auf diesen lege, würde man nahezu unverwundbar werden. Dies, weil man von Wellen durchströmt werde, die vom Erdinnern kämen.

 

Laut Legende ist die Insel von Grímsey aus ohne Weiteres über das Packeis zu erreichen. Ein kleiner Spaziergang also nur. Jedenfalls bei gutem Wetter. Wird das Wetter nämlich schlecht, wird die Insel zur Falle. Dann kann beispielsweise in Minuten so viel Nebel aufziehen, dass der Weg zurück über das Eis nicht mehr zu finden ist. 

 

Spuren führen in die Vergangenheit

 

Zwei Tote, seltsame Zeichnungen und Spuren, die in die Vergangenheit, nach Island und zu eben diesem Stein führen - das ist die Ausgangsposition für Kommissar Adamsbergs Fall in Fred Vargas' Krimi «Das barmherzige Fallbeil». Strohkartoffeln, eine Geheimgesellschaft und ein Schwein mit zarter Schnauze spielen in diesem Fall aber ebenfalls eine Rolle. Fred Vargas beweist nämlich in jedem ihrer Bücher, dass sie zu den Schriftstellerinnen gehört, welche die Unvorhersehbarkeit beherrschen.

 

Fred Vargas ist das Pseudonym für Frédérique Audoin-Rouzeau, eine im Jahr 1957 geborene französische Autorin. Bereits nach ihrem Schulabschluss interessierte sie sich für Archäologie und auch heute noch arbeitet die in Paris lebende Schriftstellerin für ein französisches Forschungsinstitut. Das Schreiben von Krimis ist für Fred Vargas eher eine Freizeitbeschäftigung; dennoch haben sich ihre Romane bereits millionenfach verkauft und sind international erfolgreich. Immerhin werden die Romane von ihr mittlerweile in mehr als 40 Sprachen übersetzt.

 

Mit Klassikern der Literatur aufgewachsen

 

Vargas Mutter war Chemikerin, ihr Vater ein bekannter Surrealist und sie hat eine Zwillingsschwester, die Malerin ist. Vargas ist mit den grossen Klassikern der französischen Literatur aufgewachsen, die beim Abendbrot vom Vater abgefragt wurden: Proust, Rousseau, Nerval, Baudelaire. 

 

Weil sie sich jedoch wenig mit dem literarischen Milieu anfreunden konnte, studierte sie unter anderem Geschichtswissenschaften und Archäologie. Typisch für ihre Romanfiguren sind Skurrilität und Liebenswürdigkeit. Es lassen sich zwei Serien von Romanen um jeweils eine Gruppe von Ermittlern unterscheiden. Die Handlung der Romane hat etwas Groteskes, bleibt jedoch stets logisch. Bezüge zum Surrealismus (einem Teil des familiären Hintergrunds der Autorin) sind unübersehbar. Auch wenn Vargas im Interview mit Katharina Teutsch erklärt, dass ihr im Grunde die Surrealisten fürchterlich auf die Nerven gehen, weil sie selber – anders als diese – schon immer an Lösungen, nicht an Verrätselungen interessiert gewesen sei.

 

Doch Vargas bringt nicht nur viel Fachwissen in ihre Romane ein, sondern

auch eine grosse Portion Übersinnlichkeit. So verfügt auch «Das barmherzige Fallbeil» über Sequenzen, die nüchterne Menschen als unwirklich oder gar als

Hirngespinste abtun könnten.

 

Adamsberg, der melancholische Kommissar

 

Das Hauptargument für einen Krimi aus Vargas' Feder ist für mich Jean-Baptiste Adamsberg. Der melancholische Kommissar, der sich deutlich

von literarischen Kollegen abhebt. Er geht immer wieder unbeirrt seinen

einsamen Weg, dem ihm die Intuition weist. Inspektor Adrien Danglard ermittelt gemeinsam mit Adamsberg und ist genau das Gegenteil, denn Jean-Baptiste Adamsberg löst seine Fälle nicht mit systematischem Nachdenken. «Er geht den grössten Schrecknissen mit Gelassenheit entgegen, fast ein bisschen autistisch», meint Vargas im Gespräch mit Katharina Teutsch zur Hauptfigur.

 

Wer 08/15 Krimis nicht mag und an seine Literatur einen gewissen Anspruch stellt, dürfte an Vargas Romanen Gefallen finden. Es ist Vargas Erzählkunst, die den Reiz dieser Krimis ausmachen – und diese ist düster-romantische Magie. «Die archaische Literatur - Märchen zum Beispiel - handelt immer davon, dass ein Held in die Welt auszieht, um am Ende einen Schatz von dort mitzubringen, ein Schloss zu finden oder einen Haufen Juwelen, die im Mittelalter ja Symbole der Weisheit waren. Und diese, wenn Sie so wollen, urtümliche Bewegung vom Suchen, Finden und Erkennen, die ist im klassischen Kriminalroman immer auch am Werk. Diese Struktur hat für mich etwas Anmutiges. Man sollte sie nicht verändern», so Fred Vargas im Interview mit Katharina Teutsch.

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